Eine Stunde auf Lolls: Selbst mitten in der Nacht ist am Lollsfeuer noch einiges los

Lolls’ flammendes Herz

Abendstimmung am „Fierche“: Die fünfjährige Jennifer Champion blickt am frühen Abend einer Kastanie hinterher, die sie ins Lollsfeuer geworfen hat. Doch selbst mitten in der Nacht ist am Feuer noch einiges los. Foto: Konopka

Bad Hersfeld. Samstagmorgen, kurz nach halb vier. Nacht auf Lolls. Die Fahrgeschäfte haben seit eins geschlossen. Rund um den Linggplatz brennt noch in einzelnen Fenstern Licht. Aus dem News Café schallt Jackie Wilsons „Reet Petite“. Jugendliche tanzen drinnen auf der Fensterbank. Die Scheiben sind beschlagen.

Am anderen Ende des Platzes fährt ein Lieferwagen um den großen Holzstapel des Lollsfeuers herum. Zerbrochene Flaschen knirschen unter den Reifen. Das Feuer brennt gemächlich in dieser Nacht. Nieselregen verdampft auf den glühenden Stämmen.

Frank Hartung und Frank Kamp haben die Nachtschicht der Feuerwache. 23 bis 7 Uhr. Die Bauhofmitarbeiter bewachen das „Fierche“ seit zehn Jahren.

In einer ruhigen Nacht wie dieser haben sie nicht viel zu tun. Aber wenn mehr los ist, heizen sie auch mehr ein. Die Hitze treibt die Leute vom Feuer weg. „Das brauchen wir als Sicherheitsabstand“, erklärt Frank Hartung. So halten der 47-Jährige und seine Kollegen die Besucher vom „Fierche“ fern.

Die Feuerwache ist in einer Holzhütte untergebracht. Frank Hartung steht in der Tür und schnippt eine Zigarette ins Feuer. Über seinem Kopf prangt das Hersfelder Doppelkreuz. Er unterhält sich mit Patricia Mann, die mit einer Freundin ans Feuer gekommen ist. „Ich genieße das hier total“, sagt sie. „Das Feuer ist doch das Wichtigste an Lolls.“

Das Lollsfeuer verbindet

Gegenüber ist ein großer Schirm aufgespannt. Ein Mann steht darunter, eine Bierflasche in der Hand. Sein Handy piept. Zwei Frauen kommen dazu. Die Blonde fällt ihm in die Arme. „Hahaha“, meckert sie, „dich kenn’ ich.“ Die Brünette sucht zwischen Scherben und Kronkorken nach einer Kastanie. „Wär das Lollsfeuer nicht, dann wären wir nicht hergekommen“, sagt sie laut. „Das verbindet.“

Er schnorrt eine Zigarette bei zwei Studenten. Auch das verbindet. Sie kommen ins Gespräch. Er ist jetzt Lehrer an ihrer früheren Schule. Die Studenten schauen ihn ungläubig an. „Alle schätzen mich zu jung“, sagt der 28-Jährige.

Drüben bei der Feuerwache pöbelt ein Mann in seinem Alter. Schwarzes Unterhemd und silberne Panzerkette, Wodkaflasche und Literdose Bier. Er rülpst. Erst beschimpft er die Frauen, dann die Männer von der Feuerwache: „Ich schmeiß dich ins Feuer, du Missgeburt.“

Frank Hartung und Frank Kamp lassen sich nicht provozieren. Nach einer halben Stunde rufen sie die Polizei. Die Streife ist nach wenigen Minuten da. Als sich der Pöbeler wehrt, nehmen ihn die Beamten mit.

„Früher war die Feuerwache tabu“, sagt Frank Kamp. „Was bin ich froh, wenn es sieben ist und ich ins Bett komme.“ Bis dahin sind es noch zwei Stunden.

Von Marcus Janz

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