HZ-Jubiläumsradtour: Kai A. Struthoff besucht bodenständige Landwirte und exotische Oasen

Ein Lied zum Abschied

Bäuerin Elfriede Milewski zeigt ihren Acker direkt am Todesstreifen. Bei ihr war der radelnde HZ-Reporter Kai A. Struthoff am Mittwochabend zu Gast. Fotos: Struthoff

Philippsthal/Schenklengsfeld/Eiterfeld. „Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird“. Diese Zitat von Albert Camus hing an der Wand meines Schlafquartiers im Seminarraum des Sisu-Naturerlebniszentrums von Regina Landsiedel-Gerlach in Wippershain. Ich finde, es beschreibt sehr schön meine herbstliche Jubiläums-Radtour, auf der ich viele wunderbare Erlebnis-Blüten am Wegesrand sammeln durfte. Die Zeit verfliegt, langsam gehe ich schon wieder auf die Zielgerade.

Die „Königsetappe“ von Oberthalhausen nach Philippsthal hat mich ordentlich gefordert. Gegenwind im Fuldatal, der vermeintliche Radweg von Ronshausen nach Friedewald entpuppte sich als grob-geschotterter, zerfurchter Wanderweg. Hier musste mein Corratec-Mountainbike alles geben – und ich auch. Es ging schier ewig bergauf. Dafür empfing mit Markus Göbel im Schlosshotel in Friedewald mit einer großen, kalten Cola - legales Doping für Radler. Bürgermeister Dirk Noll hatte Kuchen aufgefahren, dass davon ein ganzes Peloton hätte satt werden können. Mit neuen Kräften stürzte ich mich in die Schussfahrt ins Werratal. Durch den Herfagrund und Heringen ging es nach Philippsthal.

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Auf dem „Preußenhof“ erwartete mich die Landfrau und Bäuerin Elfriede Milewski. Die 78-Jährige mit dem kurzen grauen Haar sieht viel jünger aus. „Ja, ich hab mich ganz gut gehalten“, schmunzelt sie. Wer rastet rostet. Aber Elfriede Milewski ist immer in Aktion. Seit Generationen bewirtschaftet ihre Familie die Felder, die einst direkt am Todesstreifen lagen. „Ich bin gern Bäuerin“, sagt Elfriede Milewski, und man glaubt ihr jedes Wort. Die alte Dame steckt voller Geschichten über das Grenzgebiet, und sie lebt im Gleichgewicht mit der Natur. Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln bewirtschaftet sie den Hof mit Kühen, Pferden, Gänsen und Hühnern und ist noch heute jeden Morgen in der früh in der Milchkammer, um danach die große Familie zu bekochen.

Schöne Gespräche

Es waren schöne Gespräche mit der alten Dame, die mich mit ihrer bescheidenen Zufriedenheit und Lebensklugheit sehr beeindruckt hat. Abends kamen Bürgermeister Ralf Orth und der Chef der Werbegemeinschaft Uwe Kondziella zum Essen. Bei Hausmacherwurst, Salat und Käse gab es viel zu erzählen. Ein Thema war natürlich das schwere Grubenunglück – die Trauer lastet wie ein dunkles Tuch auf dem Kali-Revier. Orth und Kondziella hatten für mich ein Wanderbündel mit Verpflegung und Geschenken geschnürt – wirklich sehr lieb.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück sang meine Gastgeberin für mich noch ein Morgenlied und begleitete sich dabei auf der Gitarre – das Spielen hat sie noch mit 64 Jahren gelernt!

Die Kühe guckten etwas verwundert, als ich zum Abschied mit meinem Rad im Stall vor fuhr. Die haben wohl noch nie einen modernen Cowboy gesehen.

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Am Donnerstag ging es gemächlich durchs liebliche Ulstertal über Pferdsdorf nach Wenigentaft und weiter nach Mansbach, Oberbreitzbach, Ransbach und Schenklengsfeld. Dort bewunderte ich gerade zur Mittagszeit den Weinberg, als mich Familie Vollmer, die gleich nebenan wohnt, spontan zum Mittagessen einlud. Spaghetti Bolognese ist die richtige Radlerkost – über diese freundliche Geste und die netten Gespräche am Mittagstisch habe ich mich sehr gefreut.

Mit vollem Bauch strampelte ich etwas träge hinauf nach Wippershain. In der Ferne lag die Rhön im Sonnenschein. Der Himmel war blitzblank geputzt. Familie Landsiedel-Gerlach hat vermutlich einen der schönsten Gärten der Region: 3500 Quadratmeter – mal verwunschen, mal verwildert, mal ganz gepflegt. Wie viel Arbeit in diesem Prachtstück stecken muss! Aber Hausherr Ulrich Gerlach sagte, er braucht nur eine gute Stunde zum Rasenmähen. In dieser Nacht schlief ich im Seminarraum von Regina Landsiedel-Gerlach, die hier Entspannungskurse abhält. Neben meinem Bett wachte Shiva, ich war umgeben von Klangschalen und Trommeln, ein angenehm-exotischer Duft lag in der Luft. Süße Träume waren garantiert. Aber vorher wurde noch der Grill angeheizt.

Gemütlich und rustikal war der Grillabend in der Gartenhütte von Ulrich und Regina Landsiedel-Gerlach. Bei guten Gesprächen verging die Zeit wie im Flug, und ich habe später tief und fest in Shivas Schoß geschlafen.

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Am Freitagmorgen brannte der Himmel blutrot über Wippershain. Kommt jetzt der Wetterumschwung? Nach einem deftigen Frühstück mit Pfefferminz-Tee aus dem eigenen Garten brauste ich zu Tal in Richtung Eiterfeld. In Landershausen erwartete mich schon Landwirt Klaus-Otto Reinhard, der hier gemeinsam mit Hermann Böss die Ringberg BioEnergie GbR betreibt. Reinhard ärgert sich etwas darüber, dass die HZ oft ein so altmodisches Bild der Landwirtschaft zeichnet und lieber Pferdegespanne beim Pflügen statt moderne Maschinen zeigt. Die Biogasanlage von Reinhard und Böss ist auf allermodernstem Stand. Riesige Traktoren türmen die Biomasse auf, die ganze Anlage wird per Computer gesteuert. Das ist das moderne Gesicht der Landwirtschaft - auch in unserer Region.

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In Fürsteneck im Landkreis Fulda drangen romantische Töne aus dem alten Burggemäuer. Hier finden zurzeit die internationalen Nyckelharpa-Tage mit Teilnehmern aus aller Welt statt, erklärten mir Karsten Evers und Daniel Bister von der Akademie-Verwaltung. Ich muss gestehen, bisher hatte ich von diesen mittelalterliche Instrumenten mit dem schwermütigen Klang, die viel in Schweden gespielt werden, noch nie gehört. Wenn es Ihnen auch so geht, dann haben Sie heute Abend auf Burg Fürsteneck die Gelegenheit, ein Konzert mit Nyckelharpas zu hören. Es beginnt um 20.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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HZ-Jubiläumsradtour: Die Etappe von Oberthalhausen nach Philippsthal und weiter von Wippershain nach Eiterfeld

Mein letztes Nachtquartier ist die Kulturscheune in Wehrda. Am heutigen Samstagvormittag brause ich dann auf meiner letzten Etappe durchs Haunetal – angefüllt mit den „Blüten des Herbstes“ – lauter schönen Erinnerungen. Bei Fahrrad-Riebold werde ich sicher mit Spannung zurückerwartet.

Wir sehen uns unterwegs!

Von Kai A. Struthoff

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