Hans Jürgen Dietz im HZ-Montagsinterview über Festspiele, Feste und Fackelbuben

Er liebt die kleinen Rollen

In Zivil: Hans Jürgen Dietz vor einem Auftritt im „Wilhelm Tell“ auf der Bühne der Hersfelder Stiftsruine. Foto: Strecker

Herr Dietz, Sie treten jetzt im 60. Jahr als Statist bei den Hersfelder Festspielen auf und lieben das Theater. Warum sind Sie nicht Schauspieler geworden?

Hans Jürgen Dietz: Nein, auf die Idee bin ich nie gekommen. Dazu war man hier auch zu sehr in der Provinz und die Zeit war noch eine ganz andere. Nach Berlin zu gehen oder so, das stand für mich nie zur Debatte. Aber meine Tochter hat es gemacht. Sie arbeitet in der Hauptstadt als Regieassistentin. Aber die Festspielzeit ist die schönste Zeit des Jahres für mich.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dietz: Na ja, ich bin so lange dabei, da hat mir der eine oder andere Regisseur auch Mal eine kleine Rolle anvertraut wie anderen auch. Beispielsweise 1975 habe ich den Wirt im „Woyzeck“ gespielt. Ich habe nur zwei, drei Sätze gesagt, aber darauf kommt es auch nicht an. Intendant Dr. Peter Lotschak hat mir in zwei Saisons den Cornelius im „Hamlet“ gegeben. Der sagt gar nichts, aber es gibt nicht eine Szene, in der ich nicht dabei war, und wenn ich nur in der Ecke stand. Und generell war es natürlich toll, einmal neben Günther Ungeheuer oder Karin Hübner auf der Bühne zu stehen.

Haben sich während der ganzen Zeit auch Freundschaften zu Schauspielern entwickelt?

Dietz: Natürlich. Diejenigen, die in den siebziger Jahren jung waren, die sind jetzt auch alt. Das war ’ne Clique damals, als der Volker Lechtenbrink hier war und der Thomas Stroux. Wir haben manches Festchen gefeiert in der Kantine, der damaligen Kantine. Die kann man aber mit der heutigen nicht vergleichen. Das war eine richtige Künstlerkantine, wo die Theaterleute noch mehr unter sich waren, da ging es oft bis morgens früh.

Kontakt habe ich heute noch zu Hardy Rudolz, dem bekannten Musical-Star, der in Hersfeld mal angefangen hat. Gut befreundet bin ich mit der Choreografin Helga Wolf, und Peter Niemeier kommt zu meinem Geburtstag.

Wie sind Sie denn überhaupt Statist geworden?

Dietz: Mit dem Gründungsintendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Johannes Klein, war ich verwandt. Seine Frau war meine Cousine und durch diese Familie bin ich zu den Festspielen gekommen. Damals wurde das auch von der Schule her gefördert, dass man mitspielt. Mein erstes Stück war das „Salzburger Große Welttheater“, da war ich ein Fackelbube.

Und es kommt auf die Regisseure an, wie oft Statisten mitspielen?

Dietz: Ja, das ist unterschiedlich. Beispielsweise in der Ära von Elke Hesse hat ja Torsten Fischer inszeniert. Und der hat uns gesehen und viel mit uns gemacht. Der Holk Freytag genauso. In der Rütli-Szene stehen Schauspieler und Laien nebeneinander. Da merkt man in der Mimik trotzdem keinen Unterschied.

Aber unsere großen Auftritte hatten wir im „Faust“, als Volk im „Besuch der alten Dame“, im „Galilei“ und als Massen in „Anatevka“, „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“.

Wie lange proben Sie und der Chorverein vor einem Stück, dem „Tell“ beispielsweise?

Dietz: Mit Holk Freytag haben wir von Mitte Mai bis zur Premiere geprobt, schon über zwanzig Mal. Einmal gab’s auch eine Nachtprobe. Das war früher ganz normal. Schön ist das, da haben wir uns immer gefreut. Die Probe wurde meistens für Samstag oder Freitag angesetzt. Dann ist man heimgegangen, als die Sonne aufging und konnte ausschlafen. Das hat man nicht als Stress angesehen, sondern als etwas Besonderes.

Und wie wird die Arbeit als Statist vergolten?

Dietz: Wir haben seit Jahren einen Satz und sind damit auch zufrieden. Pro Aufführung gibt’s zwischen 20 bis 25 Euro, für jede Probe 10 Euro, in dem Bereich liegt es. Dazu ein kleines Kontingent an Ermäßigungskarten und jeder zwei Freikarten. Ich meine, das Geld ist für die Fahrerei und in der Kantine schnell ausgegeben, aber das ist auch eine Nebensache.

Gehen Sie auch in die Stiftsruine, wenn keine Festspielzeit ist?

Dietz: Nein, dann hat sie ihren Zauber für mich verloren. Und schon acht Tage nach den Festspielen kommt es mir so vor, als wären sie ewig vorbei.

Von Judith Strecker

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