Wochenendportrait: Esra Evren heiratet Cousin in der Türkei, den sie kaum kennt

Liebe wuchs am Telefon

Esra Evren (sitzend in der Bildmitte) strahlt vor Glück: Die 20-Jährige aus Rotenburg heiratet im Juli in der Türkei ihren Cousin. Unser Bild zeigt sie mit ihren Eltern, Geschwistern und besten Freundinnen auf der großen Feier in Breitenbach, mit der sie Abschied genommen hat. Foto: Meyer

Bebra. Die künftige Braut strahlt und Schmucksteine glitzern auf ihrer Stirn, während sie im Breitenbacher Festsaal zur Fuldabrücke mit ihrem stolzen Vater tanzt. Den Tanten stehen die Tränen in den Augen. Esra Evren, eine 20 Jahre junge Frau aus Bebra, wird in wenigen Wochen in der Türkei einen Mann heiraten, den sie seit zwölf Jahren nicht gesehen hat – ihren Cousin Abdullah.

Esras Vater kam in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland. Esra wurde in Rotenburg geboren, wuchs in Bebra auf und erlangt dort gerade das Fachabitur. In der Öffentlichkeit trägt sie ein Kopftuch. Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich mit 16 Jahren aus religiösen Gründen dafür, das Kopftuch zu tragen, auch wenn sie zunächst unsicher war. Für andere Menschen sei das zunächst ungewohnt, weiß Esra Evren. Irgendwann sagte sie: „Jetzt machst du’s einfach.“ Esras ältere Schwester entschied sich gegen das Kopftuch.

Keine Zwangsheirat

„Es ist keine Zwangsheirat.“ Das meint Esra manchmal dazusagen zu müssen, wenn sie von der bevorstehenden Hochzeit erzählt. Wer genauer nachfragt, dem erklärt sie, dass sie und ihr künftiger Ehemann nie so eine „Cousin-Cousine-Beziehung“ hatten. Als Kind war sie oft in der Türkei, zuletzt 2011, aber Abdullah traf sie dort damals nicht. Die Liebe wuchs am Telefon und im Internet. Während eines Videotelefonats machte Abdullah ihr den Antrag. Esras Augen leuchten: „Er hat dreimal gefragt, und ich habe dreimal ja gesagt.“

Esra lächelt, wenn sie den 27-Jährigen beschreibt: „Groß, breite Schultern, dunkelblond, grüne Augen.“ Er ist Heizungsinstallateur. Esra wird mit ihm und ihren Schwiegereltern in einer Wohnung in Sivas leben, einer Großstadt in Zentralanatolien, wo es im Sommer heiß wird, aber angenehm bleibt wegen der geringen Luftfeuchtigkeit.

Im Auto werden sie und ihre Familie im Juli die 3300 Kilometer bis in die Türkei zurücklegen. Esra weiß nicht, was sie erwartet. Vielleicht wird sie studieren oder sich zur Krankenschwester ausbilden lassen. Familie, Freunde, die Gegend, all das wird ihr fehlen, das weiß sie, und auch, dass sie sicher oft ihre alte Heimat besuchen wird. Mit dem deutschen Pass ist das kein Problem. Jetzt sagt sie: „Ich könnte weinen, so überglücklich bin ich.“

Von Achim Meyer

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