Bad Hersfelder Festspiele: Der Sturm – liebevolles Musical mit kleinen Schwächen

Liebe besiegt den Groll

Gückliches Paar: Zur Hochzeit von Miranda (Julia Hell) und Ferdinand (Fabian Baumgarten) erscheinen die antiken Göttinnen Iris Juno und Ceres. Fotos: Iko Freese /drama-berlin.de

Bad Hersfeld. „Auf die Liebe dieser jungen Menschen will ich die Hoffnung gründen, dass ich auf die Ausführung meiner Rachepläne verzichten kann.“ Grund zur Rache hätte die durch eine Intrige um ihr Herzogtum gebrachte Prospera. Doch das Glück der unbedarften Kinder wiegt schließlich schwerer als der Groll ihrer Eltern.

Vergebung und Versöhnung sind die zentralen Botschaften der Inszenierung von Shakespeares „Der Sturm“ bei den 63. Bad Hersfelder Festspielen. Zur Premiere am Sonntag waren einige Plätze in der Stiftsruine leer geblieben.

Regisseur Janusz Kica bringt den Stoff als Familienmusical in der für Bad Hersfeld geschriebenen Fassung von Gerold Theobalt auf die Bühne. Dass dabei aus dem Zauberer Prospero eine Prospera geworden ist, erweist sich als Gewinn. Das ist vor allem der Verdienst von Maaike Schuurmans, die die Rolle der Herrscherin mit der harten Schale mit Inbrunst gibt. An ihrer Seite spielt ein durchweg starkes Ensemble: Zwischen Racheengel und infantilem Wesen bewegt sich Luftgeist Ariel (Patrizia Margagliotta), Miranda (Julia Hell) kommt als rebellischer Teenager daher, smart und doch ein wenig einfältig Prinz Ferdinand (Fabian Baumgarten).

Feintuning fehlt

Von rockig bis an der Grenze der Schnulze ist die von Wolfgang Schmidtke komponierte Musik. Bei manchen Nummern wäre allerdings noch Feintuning am Mischpult nötig – mitunter wird hier der Gesang übertönt. Trotz der durchweg hörbaren Solonummern, Liebesduette und einer beeindruckenden Vokalpassage der Inselgeister des Bad Hersfelder Chorvereins – als Ohrwurm bleibt ausgerechnet „Blau ist der Himmel über Neapel“, die Persiflage auf den Nachkriegsschlager der Trunkenbolde Stephano (Livio Cecini) und Trinkolo (Thomas Gimbel) im Kopf. Der tollpatschige Versuch dieser herrlich schrägen Verlierertypen, gemeinsam mit dem kauzigen Caliban (Stephan Ullrich), die Herrschaft an sich zu reißen, erheitert Kinder und Erwachsene. Auch mit dem schlichten Bühnenbild (Petra Wilke) und den bunten, aber nicht kitschigen Kostümen (Christine Haller) können sich alle Generationen anfreunden. An anderen Stellen löst sich der Anspruch eines Familienmusicals nur mit Abstrichen ein: Prosperas Harry-Potter-Zauberei ist aus Erwachsenensicht sehr klamaukig. Für Kinder wären Straffungen der über zweistündigen Handlung wünschenswert.

Ob nun Prospera mit dem Caliban über die Insel streitet, oder Gonzalo (Daniel Dimitrow) seine Vision eines kommunistischen Idealstaates besingt: Es bieten sich zahlreiche Verbindungen zu aktuellen Themen: Unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit, die Expansion der Europäischen Kultur oder der Umgang mit Ausländern. Einiges wird jedoch nur kurz angeschnitten und lässt den jungen Zuschauer ratlos zurück. Insgesamt eine liebevolle Inszenierung, die das Premierenpublikum reichlich Applaus quittiert.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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