Man lernt zu schätzen, was man hat

Erinnerung an Oslos schöne Seiten: Mit dem Selbstauslöser ihrer Handy-Kamera hat sich Luise Schmidt vor dem Königsschloss fotografiert – kurz bevor die heile Welt zerbrach.

Seit damals hat Luise Schmidt ihre Geschichte schon oft erzählt. Es hilft ihr, das Erlebte zu verarbeiten. Doch die Eindrücke sitzen tief. „Als bei der Einschulungsfeier in meiner Schule in Kirchheim ein Luftballon platzte, kamen mir plötzlich die Tränen.“

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Die Angst kommt langsam

Selbst die heile Welt der Inga-Lindström-Filme mit ihren schönen Bildern von Oslo kann sie nicht ertragen. „Man war so dicht dran“, sagt Luise Schmidt nachdenklich und der Blick ihrer Augen wirkt plötzlich eine Spur dunkler.

Den Prozess gegen Anders Breivik verfolgt sie nicht mehr im Fernsehen. „Es hat mich so wütend gemacht, wie er sich am ersten Tag vor der Weltöffentlichkeit darstellen durfte.“ Genau das habe der Attentäter doch gewollt.

Eine Bühne für Breivik

Noch schlimmer findet es die junge Frau aber, dass das Profil des Attentäters immer noch in sozialen Netzwerken zu finden ist. Auch sein krudes „Manifest“ sei immer noch im Internet zu lesen. Luise Schmidt kritisiert, dass der Prozess in Oslo öffentlich ist.

„Alle Welt kann sehen, wie es dem Täter gut geht, und dass er nichts bereut.“ Sie fürchtet, dass das sogar Nachahmer auf den Plan rufen könnte. Das lächelnde Gesicht des Attentäters im Fernsehen sei eine Verhöhnung aller Opfer.

Luise Schmidt möchte Anders Breivik am liebsten nie mehr sehen. „Selbst wenn es die Todesstrafe für ihn gäbe, würde davon kein Opfer mehr lebendig werden“, sagt sie bestimmt.

Irgendwann wird Luise Schmidt auch wieder nach Oslo fahren. Vor ihrem inneren Auge hält sie deshalb ein Bild vom Vorabend der Attentate fest. Am Hafen von Oslo tanzen auf einer Freifläche junge Leute ausgelassen Rock’n Roll. So möchte sie die Stadt in Erinnerung behalten – bevor die heile Welt zerbrach.

Doch auch für sich hat die junge Frau eine Lehre aus dem Erlebten gezogen. „Man sollte das Leben mehr genießen und schätzen, was man hat.“ (kai)

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