Musik für Viola und Orgel im Holocaust-Gedächtniskonzert 2010

Dem Leiden einen Klang

Vater und Tochter: Matthias Steinmacher an der Orgel und Edle Steinmacher, Bratsche, waren für die Musik verantwortlich. Foto: von Trott

Bad Hersfeld. Kollektives Gedenken tut einer zersplitternden Gesellschaft gut. So hat sich der Tag der Befreiung des schlimmsten Schreckensortes der Menschheitsgeschichte, des Konzentrationslagers Auschwitz, am 27. Januar 1945 als Holocaust-Gedenktag eingebürgert. Das Gedenken der Nachfahren hat auch deshalb seinen guten Grund, weil die letzten Zeitzeugen dahinsterben.

Eher noch ist im Schmerz die Musik eine der wirksamsten Wohltäterinnen. Das bestätigte sich erneut den Bad Hersfelder Besuchern des Holocaust-Gedächtniskonzerts am Samstag im Johann-Sebastian-Bach-Haus. Mussten sie zwar wegen Erkrankungen einiger Damen der Fuldaer Frauenschola auf die gregorianischen Lob- und Trostgesänge der mittelalterlichen Visionärin Hildegard von Bingen verzichten (sie sollen 2011 nachgeholt werden), so mochte man doch entdecken, dass Trauer und Trost auch im Instrument ihren Ort haben. In einem einzigen. Die Viola, die Bratsche, gilt leichthin für nicht Fisch, nicht Fleisch – eben nicht Violine, nicht Violoncello. Wie falsch!

Ein edler Ton

Edle Steinmacher, obwohl noch Hauptfachstudentin der Musikhochschule Leipzig, nennt einen wirklich edlen Ton ihr Eigen, der das Zwitterwesen Bratsche adelt: Sonor und ebenmäßig satt die tiefe Lage, silbrig und fein geädert die hohe, in gefälligem Linienfluss der Übergang. Die passende Voraussetzung also, um Barockes von Henry Purcell und Antonio Vivaldi der verhangenen, leicht melancholischen Klangaura der Bratsche anzuverwandeln. Ein Satz aus der Solosonate op. 25/1 des Komponisten und professionellen Bratschisten Paul Hindemith verriet zudem einigen solistischen Habitus.

Klage und Aufbegehren

Klage, Aufbegehren, Gefühls- und Gedankenschwere sind auch Charakteristiken der Orgel. Der Hünfelder St.-Bonifatius-Organist Matthias Steinmacher begleitete nicht nur seine Tochter sorgsam und diskret – er steuerte kompetent auch zwei Solosätze bei: Dietrich Buxtehudes d-Moll-Passacaglia BuxWV 161 (in der Bachs berühmte c-Moll-Passacaglia BWV 582 vorgeprägt ist) und ein Lamento (Klagelied) des Franzosen Jehan Alain, der im Juni 1940 in den ersten Tagen des Frankreich-Feldzugs mit nur 29 Jahren sein Leben lassen musste.

Einer, der die Namen und die Leiden jener Zeit nennt und die Verortungen in unserer Region aufspürt, ist der Rotenburger Historiker Dr. Heinrich Nuhn. Er ging hier der Spur Dr. med. Willy Fackenheims (1882-1943) nach. Der Sohn eines jüdischen Hoteliers aus Bebra wurde Arzt, diente in deutschen Lazaretten des Ersten Weltkriegs, heiratete später, musste aber seine Wiesbadener Arztpraxis 1936 im Zuge früher NS-Übergriffe schließen. Im Gefolge der Pogromnacht wurde er am 11. November 1938 mit einem seiner beiden Söhne ins KZ Buchenwald verschleppt und schwer misshandelt, kam wieder frei und erlangte ein halbes Jahr später mit seiner Familie die rettende Schiffspassage nach Schanghai. Seine Existenz und seine Gesundheit aber waren gebrochen. Dr. Fackenheim starb 1943 im Exil mit 60 Jahren.

An Leidenswege erinnern

Des Referenten abschließendes Bekenntnis: „An Leidenswege wie den seinen zu erinnern, erscheint mir als ein humanitäres Gebot und eine mitmenschliche Verpflichtung.“ Die auch die Zuhörenden in Betroffenheit und spätem Mitempfinden eint, wäre von Seiten des Gegenübers hinzuzufügen.

Von Siegfried Weyh

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