HZ-Interview mit Anita Hofmann, ab heute neue Leiterin des Staatlichen Schulamtes

Mit Leib und Seele Lehrerin

Bebra. Das Staatliche Schulamt für den Kreis Hersfeld-Rotenburg und den Werra-Meißner-Kreis hat eine neue Leiterin: Anita Hofmann aus Rotenburg wird heute in Bebra offiziell in ihr Amt eingeführt und löst Arno Meißner ab, der in den Ruhestand geht. Wir sprachen mit Hofmann über Lesen lernen und den Wandel in der Bildungspolitik.

Glückwunsch, Frau Hofmann. Sind Sie jetzt am Ziel Ihrer beruflichen Wünsche?

Hofmann: Mein Wunschtraum war eigentlich immer, guten Unterricht zu machen und gut mit den Schülern zurecht zu kommen. Ich war mit Leib und Seele Lehrerin. Hätten Sie mir vor sechs Jahren gesagt, dass ich einmal dieses Amt leiten werde, hätte ich das weit von mir gewiesen.

Sie arbeiten seit 2001 im Schulamt. Wenn Sie so gerne Lehrerin waren, warum sind sie dann in die Verwaltung gewechselt?

Hofmann: Ich war zuvor Förderstufenleiterin an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg – und das aus vollster Überzeugung. Doch damals entbrannte die Debatte um die Einführung der gymnasialen Eingangsklassen. Diese Diskussion hat die pädagogische Ausrichtung der Förderstufe blockiert und so verändert, dass sie nicht mehr meiner Haltung entsprach. Ich bin damals gefragt worden, ob ich mir einen Wechsel zum Schulamt vorstellen könnte. Es war zwar nicht Liebe auf den ersten Blick, aber ich habe den Schritt gewagt. Jetzt bin ich absolut zufrieden.

Sie haben 45 Mitarbeiter und betreuen 87 Schulen mit etwa 2000 Lehrkräften und 30 000 Schülern. Was wollen Sie bewegen?

Hofmann: Wir verstehen uns als Unterstützer der Schulen, gerade jetzt, da die Schulen mehr Selbstständigkeit bekommen sollen. Und natürlich sind wir Kontrollinstanz – selbstständige Schulen müssen mehr Rechenschaft für ihr Handeln abgeben. Auf pädagogischer Ebene müssen wir dabei helfen, dass Schulen kompetenzorientierten Untericht anbieten.

Was ist das denn? Sollen Kinder nicht einfach schreiben, lesen, rechnen lernen?

Hofmann: Doch natürlich. Aber sie sollen den Lernprozess aktiv gestalten, der Lehrer soll dabei Unterstützer sein. Beispiel Lesen: Früher gab es das so genannte Kettenlesen. Die Schüler lasen einen Text absatzweise abwechselnd laut vor. Die guten Schüler haben sich dabei gelangweilt, die schlechten Vorleser sind vor Scham fast im Boden versunken. Jetzt lesen sie Texte in der Gruppe. Jeder leise für sich und auch mal einer laut. Sie klären gemeinsam Wörter, die sie nicht verstehen und geben Absätzen Überschriften. Sie zeigen damit ihr Textverständnis. Die Kinder sollen im Team lösungsorientiert arbeiten.

In der Gruppe können sich aber die schlechten Schüler auch gut verstecken. Beim lauten Vorlesen hat der Lehrer gleich gemerkt, wo es hapert.

Hofmann: Der Lehrer muss natürlich den Überblick behalten. Er beobachtet die Gruppen und kann die Zeit nutzen, mit Einzelnen besonders zu üben. Diese veränderten Unterrichtsformen wollen wir im Schulamt durch Fortbildungsangebote unterstützen.

Zu Zeiten von Kultusministerin Karin Wolff wurden alle paar Monate schulische Neuerungen verordnet: zum Beispiel Unterrichtsgarantie plus, zentrale Abschlussprüfungen, gymnasiale Eingangsklassen an Gesamtschulen. Herrscht jetzt mal Ruhe?

Hofmann: Es herrscht nur vermeintlich Ruhe an der Bildungsfront. Die Schulen sollen die Zeit nutzen, sich auf neue Aufgaben vorzubereiten. Zum Beispiel werden Bildungsstandards die Lehrpläne ersetzen. Es wird also nicht mehr konkret vorgegeben, welche Texte oder mathematischen Aufgaben in welchem Schuljahr zwingend durchgenommen werden müssen, sondern es geht darum, Schülern bis zu einem bestimmten zeitpunkt die in den Bildungsstandards beschriebenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln. Schulen werden auch selbstständiger. Sie bekommen eigene Budgets und mehr Gestaltungsspielraum.

Das bedeutet aber mehr Verwaltungsarbeit. Bekommen Schulen dafür mehr Personal? Schulleiter sind doch eigentlich Pädagogen, keine Manager.

Hofmann: Es wird keine zusätzlichen Ressourcen geben. Angeboten werden aber entsprechende Fortbildungen.

Die Lehrerversorgung im Bereich Ihres Schulamtes war in jüngster Vergangenheit zufriedenstellend. Doch in einigen Grundschulen wird derzeit über schwangerschafts- und krankheitsbedingten häufigen Lehrerwechsel geklagt. Eine enorme Belastung für die jüngsten Schüler.

Hofmann: Aktuell sind mir keine Beschwerden bekannt. Allerdings sagen wir den Schulleitungen in solchen Fällen, dass sie möglichst Stammpersonal und keine Vertretungen für Vertretungsfälle einsetzen sollen. Wir empfehlen auch, den Unterricht in Grundschulklassen möglichst auf zwei Lehrkräfte mit hohem Stundenanteil zu verteilen, damit die Kinder in Notfällen eine bekannte Bezugsperson haben. Wer das Klassenlehrerprinzip vorzieht – also möglichst viel Unterricht nur beim Klassenlehrer – bekommt sonst Probleme.

ZUR PERSON

Von Silke Schäfer-Marg

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