250 Dinge, die wir an der Region mögen (39): Die Bad Hersfelder Fußgängerzone

Lebensqualität im Zentrum

Immer was los: Die Bad Hersfelder Fußgängerzone ist an vielen Tagen – wie hier am Lolls-Sonntag – Veranstaltungsort und Bühne für Künstler, Aussteller und Organisationen, die auf sich aufmerksam machen wollen. Foto: Archiv

Bad Hersfeld. Die Sonne ist erst vor einer Stunde aufgegangen. Die Bad Hersfelder Fußgängerzone gibt sich noch morgenmuffelig zugeknöpft. Drei eingemummelte Passanten eilen die Johannesstraße hinauf und weichen den beiden Autos aus, die ihnen entgegenkommen. Versorgungsfahrzeuge und Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Arzt, denn noch sind die Geschäfte geschlossen.

Beim Mückenstürmerdenkmal auf dem Linggplatz zieht der Duft von frischem Backwerk durch die klare Luft und an der Kreuzung Klausstraße/Breitenstraße locken Wärme und Kaffeegeruch in die Bäckereien. Gegen Mittag hastet eine Mutter mit Kinderwagen durch die Badestube, in der Benno-Schilde-Straße versorgen sich Anzugträger am Wok-Imbiss und einige Kunden mit Einkaufstüten schlendern die Weinstraße hinauf.

Am Lullusbrunnen und am Treppchen stört nichts und niemand den Blick auf Stadtgründer und Rathaus. Hier, auf dem ältesten Marktplatz der Stadt, boten im Mittelalter Marketender ihre Waren feil und Gaukler belustigen das Volk. Aus dem Kumpf, der Wasserzapfstelle, wurde 1830 der Lullusbrunnen. Heute ziert der Platz die Mitte der Fußgängerzone wie eine prunkvolle Gürtelschnalle und die liebevoll restaurierten Fachwerk- und Bürgerhäuser schmücken sie wie Pailletten ein Kleid.

Plätschernder Bach

Mehr als nur Geschäfte und Cafés: Die Fußgängerzone zwischen Brink, Breitenstraße und Stadthaus (hier die Klausstraße mit Blick aufs Rathaus). Foto: Urban

Die parkähnliche Anlage in der Breitenstraße kaschiert die kühlen Fassaden der neuzeitlichen Funktionsbauten, wirkt hell und einladend. Auf den Bänken ruhen Einkaufmüde aus, lauschen dem plätschernden Bach und sehen den Kindern zu, die in der Holzeisenbahn spielen. Am frühen Abend, wenn die Geschäfte langsam schließen, kommen Omis mit Kopftüchern aus den Wohnungen über den Läden und gehen, teils gestützt von ihren Enkeln, ein paar Schritte spazieren.

Kindergartenkinder rennen um den Brunnen vor der City Galerie und Teenies fahren Wave-Board. Noch weit nach Sonnenuntergang bummeln Nachtschwärmer an den Schaufenstern entlang oder kehren in die Lokale ein, um sich zu wärmen und zu stärken.

„Bürgermeister Werner Hessemer weihte die Hersfelder Fußgängerzone Ende 1973 als eine der ersten in Hessen ein“, weiß Gerhard Kraft vom Stadtarchiv. „Damals führte sie vom Rathaus über den oberen Teil der Weinstraße bis zum Linggplatz.“ 1976 wurde sie erstmals erweitert und umfasst heute das ganze Zentrum der Altstadt. Wohl jeder im Kreisgebiet kennt sie als Einkaufsparadies, Bummelzone und Partymeile.

Außerhalb der Stoßzeiten

Aber wer nimmt sich die Zeit, sie wirklich zu entdecken? Ein Besuch außerhalb der Stoßzeiten zeigt, dass die Fußgängerzone mehr bietet als Geschäfte und Cafés. Die Fußgängerzone lebt für und mit den Menschen, die sie bevölkern.

In der Festspielsaison, beim Jazzfest, in der Lollswoche, beim Midnight-Shopping oder in der Vorweihnachtszeit präsentiert sich die Fußgängerzone als Grande Dame in einer dem Anlass angemessenen Robe. Aber ihr wahres Gesicht, ihre bunte Vielfalt und ihre offene Herzlichkeit, zeigt sie nur denen, die sie auch im Alltag kennen und lieben.

Von Dagmar Urban

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