Wochenendporträt: Renate Drechsels Vater ist seit über 70 Jahren vermisst

Ein Leben lang ohne Vater

Renate Drechsel heute: Auf der Suche nach ihrem Vater schaut sie sich alte Fotos und Dokumente von Nachforschungen an. Auf dem kleinen Foto Otto und Toni Klaas bei ihrer Hochzeit im Jahr 1934. Fotos: Rössing

Bad Hersfeld. Ihr ganzes Leben lang musste Renate Drechsel aus Bad Hersfeld ohne ihren Vater Otto Klaas verbringen. Das Einzige, was ihr geblieben ist, sind die zahlreichen Auszeichnungen von Reiterfesten und die militärischen Verdienstorden aus dem zweiten Weltkrieg, die Klaas verliehen bekam und von der Front aus seiner Familie in die Heimat schickte.

„Mein Vater gilt nunmehr seit über 70 Jahren als vermisst“, berichtet die heute 73-jährige Renate Drechsel. Ihre Geschichte erzählt von einem Schicksal, das viele Kinder im zweiten Weltkrieg ereilt hatte: Drechsels Vater musste vom ersten Tag des Krieges an ins Feld ziehen. Im Januar 1945 bekam seine Familie ein letztes Lebenszeichen von ihm aus der Gegend von Krakau (Polen). Danach reißt die Verbindung ab.

Die Kindheit ohne Vater war für Renate Drechsel nicht leicht: „Ich war eifersüchtig auf andere Kinder, die ihren Vater zu Hause hatten“, sagt sie. „Wenn ich ihn mir von meinem selbst gesparten Geld hätte zurückkaufen können, hätte ich es getan.“ Renate Drechsel war zwei Jahre alt, als er zum letzten Mal die Heimat besuchte. „Mein Vater war passionierter Reiter und Reitlehrer bei der Armee. Er sagte immer, wenn er aus dem Krieg nach Hause käme, würde er mir das Reiten beibringen.“ Doch dazu kam es nie.

Einen zweiten herben Rückschlag musste Drechsel 1957 erleiden. Nach dem Umzug nach Hofgeismar besuchte sie dort ein mal wöchentlich das Wanderkino. „Bundeskanzler Adenauer hat in dem Jahr noch einmal viele Soldaten aus Kriegsgefangenschaft befreien können. Das Kino zeigte Bilder der Vermissten, doch mein Vater war nicht dabei“, erinnert sich Renate Drechsel.

Bereits 12 Jahre gedient

Otto Klaas hatte bereits 12 Jahre als Berufssoldat gedient, war nie einer Partei beigetreten und sollte eine Anstellung bei der Deutschen Bahn beginnen, als der zweite Weltkrieg ausbrach und er eingezogen wurde. Ein Soldat, der 1957 die Familie Klaas besuchte, berichtet, dass er zusammen mit Otto Klaas im Januar 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Ihre Wege hätten sich aber bald getrennt. Auch Bemühungen von Renate Drechsel selbst, noch etwas über den Verbleib des Vaters herauszufinden, scheiterten. Sie wandte sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Im Antwortbrief von 2004 wird die Kriegsgefangenschaft des Vaters bestätigt. Beigefügt wurde das Protokoll der ersten offiziellen Suche nach Klaas aus dem Jahr 1974. Damals wurde festgestellt, dass Klaas „mit hoher Wahrscheinlichkeit in der ersten Zeit der Gefangenschaft verstorben ist, bevor er namentlich registriert werden konnte.“ Renate Drechsel musste ihr ganzes Leben mit einem „wahrscheinlich“ leben.

Der Vater war in der Familie immer präsent. „Lange Zeit haben wir an Weihnachten eine Kerze ins Fenster gestellt, um den Vermissten zu gedenken“, berichtet sie.

Von Sarah Rössing

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