250 Dinge, die wir an der Region mögen (79): Der Niederjossaer Erlingsberg

Leben auf dem Berg

Ein Rundblick vom Herzberg über den Rimberg und Eisenberg bis nach Bad Hersfeld krönt den Spaziergang auf dem Erlingsberg. Foto: Urban

niederjossa. Jedes Jahr zu Pfingsten geht auf dem Erlingsberg die Post ab. Dann treffen sich Rock-Fans auf dem Sängerplatz zum fast schon legendären „Joss-Stock“. Silvester pilgern Junge und Junggebliebene auf den Niederjossaer Hausberg und manchmal grillt ein Verein oder eine Wandergruppe auf dem Platz, auf dem der Männergesangverein 1960 verdienten Chorleitern ein Denkmal gesetzt hat.

Die Kinder toben über die Wiesen oder sammeln Stöcke im Wald. Und sicher fühlt sich auch der eine oder andere Erwachsene frei, wenn er auf die umliegenden Hügel und ins Fuldatal bis nach Bad Hersfeld schaut, sich am Lagerfeuer wärmt oder mit einem Lied zur Gitarre dem Sängerplatz Ehre macht. Wochentags fährt mal ein Schlepper zum Feld, sonntags begegnet man einem Spaziergänger, aber sonst zwitschern nur die Vögel. Ortsfremde, die hierher wandern möchten, folgen der Straße „Am Bach“ zum „Reichengraben“ und gehen die Serpentinen bergauf. An der Ruhebank hat man etwa drei Viertel des Weges zum Sängerplatz zurückgelegt.

Doch wer den Erlingsberg ganz erkunden will, geht weiter. Am Ende des Waldstücks schaut ein braunes Dach aus der abschüssigen Wiese hervor. Es ist das obere der beiden Fachwerkhäuser, die von der Bundesstraße 62 am Niederjossaer Ortsausgang Richtung Alsfeld links am Berg zu sehen sind.

Wie zwei Wächter auf dem Burgturm überblicken sie den Ort. Tatsächlich liegt etwas weiter oben ein dritter Hof, von der Straße nicht sichtbar, aber näher an dem Höhenweg im Wald, der im Mittelalter als Hauptverkehrsweg genutzt wurde.

Vielleicht zogen Händler, Ritter oder gar Luther und sein Tross hier vorbei. Und vielleicht nutzten geschäftstüchtige Menschen die günstige Lage für ein Wirtshaus, boten Bett oder Kammer zur Übernachtung und einem Unterstand für die Pferde. Es wäre zumindest vorstellbar. Irgendwann verlor „die kurze Hessen“ an Bedeutung und die Straße wurde ins Tal verlegt.

Möglicherweise genügte der Verdienst aus dem Gastbetrieb dann nicht mehr und die Wirtsleute bestritten fortan ihr Auskommen aus der Landwirtschaft. Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass die Milch täglich zu Fuß oder mit Kuhwagen zur Molkerei ins Tal geschafft werden musste, dass die oberen Häuser wenig oder gar kein Wasser bekamen, wenn im unteren mehr gezapft wurde, oder wie lange es dauerte, einen Arzt hierher zu holen.

Dennoch wurden die Höfe bis in die 1980er-Jahre bewirtschaftet und sind noch immer bewohnt. Längst ist der Weg auf den Erlingsberg geteert, Strom- und Wasserversorgung sind gesichert und die umliegenden Felder werden mit modernen Geräten bestellt. Die Nachfahren der Familien vom Erlingsberg sind ins Dorf oder ganz weggezogen und haben ihr Land zumeist verpachtet oder verkauft. Aber wer den Zauber des Erlingsberges einmal erlebt hat, kommt immer wieder zurück.

Von Dagmar Urban

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