Immer nah an zuhause: Wie die neue Technik die Zeit im Ausland verändert

Laptop tötet Heimweh

Bad Hersfeld. Zwei Stunden Fußmarsch zum nächsten Telefon, brennende Sonne, das letzte Kleingeld klimpert in der Hosentasche. Und dann, gerade als man von den neuesten Abenteuern aus der Ferne berichten will, bricht selbstverständlich die Verbindung ab.

Solche Geschichten von einsamen Reisenden sind inzwischen eher nostalgische Erinnerungen als Austauschalltag. Denn wer heute für längere Zeit ins Ausland geht, hat die Heimat immer im Rucksack – nicht nur im Herzen, sondern auch im Laptop oder im Handy.

Familienschaltung per Video

Auch Niccolò Giordano aus Norditalien hält den Kontakt in die Heimat vor allem über den Internet-Telefondienst „Skype“. So holt er sich seine Eltern und Geschwister aus 1000 Kilometern Entfernung direkt ins neue Wohnzimmer. „Mit meiner Familie rede ich einmal pro Woche“, erzählt der 17-Jährige, der seit September als Austauschschüler in Kerspenhausen wohnt. „Und ich habe fünf gute Freunde, mit denen ich mich oft zum Reden verabrede“.

Besonders als um Weihnachten das Heimweh kam, war dem Schüler der schnelle Draht in seine Heimatstadt Alessandria wichtig. „Da hat es geholfen, dass ich viel Kontakt nach Hause hatte“, erzählt Niccolò Giordano. „Ich weiß nicht, ob ich so einen Austausch früher ohne die technischen Möglichkeiten gemacht hätte.“

„Wenn man ständig Kontakt in die Heimat hat, dauert es länger, bis man sich auf ein neues Leben einlässt.“

Allison Upton, Komitee-koordinatorin Fulda/hersfeld der Austauschorganisation AFS

Auch Allison Upton glaubt, dass die neuen Medien den Aufenthalt im Ausland verändert haben. Die gebürtige Amerikanerin ist Mitglied des Komitees Fulda/Hersfeld der Austauschorganisation AFS und betreut Schüler, die es in die Ferne zieht. „Ich glaube, dass Facebook und Skype die erste Zeit im Ausland schwieriger macht“, sagt sie. „Wenn man ständig Kontakt mit der alten Heimat hat, dauert es länger, bis man sich auf ein neues Leben einlässt.“

Upton hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass das Kontaktbedürfnis oft nach einer Weile nachlässt. „Irgendwann merkt man, dass man vieles einfach nicht erzählen kann“, sagt sie. „Dann ist man in seinem Alltag drin und muss nicht mehr jedes Erlebnis mit der ganzen Welt teilen.“

Obwohl im Austauschjahr niemand mehr so allein ist wie früher, bleibt die Reise in die Ferne natürlich auch mit iPhone ein Abenteuer. „Die Leute gehen ja weg, weil sie Neues erleben wollen“, sagt Allison Upton. „Es dauert nur länger, bis sie sich richtig einleben.“

Zum Fußball geht es raus

Niccolò Giordano glaubt nicht, dass er durch seine Verbindung nach Hause in Hersfeld weniger erlebt. Denn Fußballspielen und Kaffeetrinken in der Sonne geht nun einmal nur außerhalb des Laptops. „Ich lese schon, was zu Hause alles passiert, aber ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber“, erzählt der Austauschschüler. „Jetzt genieße ich Deutschland und zuhause genieße ich, wenn ich wieder da bin.“

Von Saskia Trebing

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