Stricken, bis die Wähler kommen: Ein Besuch in drei Wahllokalen der Region

Die lange Qual der Wahl

Hersfeld-Rotenburg. Das Ortseingangsschild, die Straßenlaterne, an der zwei Wahlplakate lehnen, das Ortsausgangsschild. Das ist Wahlkampf in Hermannspiegel, einem Ort mit 32 Wahlberechtigten.

Auf dem Wohnzimmertisch von Ortsvorsteher Markus Huff steht die Wahlurne – ein quadratischer Holzkasten, der noch aus der Zeit stammt, in welcher der Haunetaler Ortsteil noch eigenständig war. „Die ist älter als vierzig Jahre“, schätzt Huff.

Wildschwein statt Politik

Jene, die das Wohnzimmer betreten, machen ihre Kreuzchen und plaudern dann über alles – außer Politik. Zum Beispiel über das Wildschwein, das kürzlich eine Wiese am Ortsrand verwüstet hat.

Fünf Wähler haben am Sonntagmorgen ihre Stimmzettel in den Holzquader geworfen. Die vier Wahlhelfer sitzen auf der Wohnzimmercouch, trinken Kaffee und warten.

Neun Kilometer nördlich, im buntbemalten Wahllokal in der Begegnungsstätte Hohe Luft, ist das Warten vorüber: 97 Striche für 97 Wähler haben die Wahlhelfer bis 14 Uhr gemacht – und plötzlich machen sie 15 Striche in fünf Minuten. Vor der Kabine stauen sich die Wähler – und die drei Wahlhelfer haben alle Hände voll zu tun, die Menschentraube zu dirigieren: „Bitte füllen sie den Stimmzettel erst in der Kabine aus“, sagt Wahlhelferin Corinna Nuhn – „Sie dürfen nicht zu zweit in die Wahlkabine“, ermahnt Nuhn ein älteres Ehepaar – „Aber wir sind uns doch in allem einig“, erwidert die alte Dame. Doch geht es ums Wahlgeheimnis, kennt Corinna Nuhn kein Pardon.

Kompliziert, aber gut

Im Nebenzimmer erklärt Karl-Heinz Weinandt Familie Eskin, was Kumulieren und Panaschieren bedeutet. „Die Kommunalwahl ist kompliziert“, sagt Abdulselam Eskin, der seit 2004 wahlberechtigt ist. Er und seine Familie stammen aus Kurdistan. Sie sind politische Flüchtlinge. In Deutschland, dem Land der DIN-A-3-großen Wahlzettel, gehen sie wählen, wann immer sie dürfen. „Hier haben wir die Wahl“, sagt Abdulselam Eskin. Warum viele Nachbarn ihr Recht zu wählen nicht wahrnehmen? Eskin zuckt mit den Schultern.

Die Wähler haben die Wahl zu wählen – und die Wahlhelfer haben die lange Qual der Wahl. „Die Wahlbeteiligung ist sehr gering“, sagt Corinna Nuhn, die sich Stricknadeln und Wolle für zwischendurch mitgebracht hat. Ein paar Reihen hat sie heute schon gestrickt.

Erfrischender Besuch

Und plötzlich ein Schub von Wählern. Diesmal in Asbach. Die Stuhlreihe vor den Kabinen, ein improvisiertes Wartezimmer, müssen die Helfer kurzfristig erweitern.

Dann betritt ein gern gesehener Gast das Wahllokal. Er trägt eine gelb-blau-gestreifte Fliege und heißt Reinhard E. Matthäi. Er klappt die Sonnenblende seiner Brille hoch, öffnet ein Kuvert – und verteilt Geldscheine an die Helfer. „Erfrischungsgeld“, sagt er.

Denn die Freiwilligen haben noch einen langen Abend vor sich. „Viel Spaß beim Auszählen“, sagt ein Wähler. Ein anderer schwärmt vom freien Tag beim Bilderbuch-Wetter. Doch Gerhard Wettlaufer und seine beiden Kollegen gucken sich an – und lachen. Das Warten auf Wähler macht ihnen Spaß.

Von Pia Schleichert

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