Comedian und Grimme-Preis-Träger Moritz Netenjakob begeistert „Mit Kantzitaten zum Orgasmus“ im Buchcafé

Lachen über Deutsche und die Erotik

Sprachkünstler: Moritz Netenjakob hatte die Lacher im Buchcafé auf seiner Seite. Foto: Apel

Bad Hersfeld. Lolls ist keine Entschuldigung. Wer Moritz Netenjakob nicht gesehen hat, ist selber schuld.

All diejenigen, die zur ersten Veranstaltung nach der Sommerpause ins Buchcafé gekommen sind, erleben einen Sprachkünstler, wie er im Buch steht, einen begnadeten Stimmenimitator, einen bekennenden Rheinländer, der insbesondere dann zu Hochform aufläuft, wenn er das Rentnerehepaar Hartmut und Lisbeth aus dem Eifeldorf Manderscheid aufs Korn nimmt. Sie sind Teil seines Programms „Mit Kant-Zitaten zum Orgasmus“. Aber das stellt er gleich selbst in Frage: „Ich kann, weil ich will, was ich muss?“

Hohe Mindestgagdichte

Netenjakob verspricht, dass er die „Mindestgagdichte“ einhält. Was liegt da näher, als erst einmal Marcel Reich-Ranicki vom Himmel aus über Gott („Mein Gott, die Bibel ist ja so schlecht geschrieben!“) und die Welt schimpfen zu lassen: „Jetzt ist der Karassek auch noch hier, der Grass hätte doch gereicht!“

Alsdann lassen sich Hartmut und Lisbeth als Theatergänger in schönstem Rheinisch aus über eine vom italienischen Verona ins serbische Knin verlegte Inszenierung von „Romeo und Julia“, in der Julia splitternackt in Szene gesetzt wird: „Ich wusste gar nicht, dass der Shakespeare so versaut geschrieben hat!“ –„Die richtige Intimrasur bringt einen heute doch tausendmal weiter als ein Doktortitel!“– „Das nächste Mal gehen wir wieder zu Millowitsch!“

Daniel Hagenberger, das literarische Alter Ego von Netenjakob, ist ebenfalls mit von der Partie. Mit ihm erlebt das Publikum, wie er als verliebter Jüngling beim Nachhilfegeben einen Keksrest auf das T-Shirt seiner Freundin Gaby Haas spuckt und Existenzialismus mit Exhibitionismus verwechselt. Nach dem ersten Kuss lässt ihm seine Mutter Asthma-Spray zukommen, denn es könnte ja sein, dass er in noch größere Aufregung gerät.

Beim Lehrerehepaar Jörg und Kerstin findet dieselbe nur noch sehr selten statt. Die beiden versuchen es deshalb mit einem Rollenspiel. Er nicht länger als „Brummselbärchen“, sondern als italienischer Macho („Mein Herz macht bumpa-di-bumpa-di-bumpa!“), sie als russische Prostituierte mit französischem Akzent. Köstlich und auch sprachlich extrem gekonnt, wie Netenjakob beider Befindlichkeiten und damit das nur wenig ausgeprägte Verhältnis der Deutschen zur Erotik aufspießt.

Multidimensionales Märchen

Spätestens, als beim Angriff eines riesigen Ufos auf Deutschland auch noch Udo Lindenberg, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer und Rainer Calmund auftauchen, ist klar, was für ein Gag nach dem anderen landender Könner auf der Bühne steht. Fast schon überirdisch seine mehrfach verlängerte Zugabe: Grimms Märchen „Hänsel und Gretel“– multidimensional dargeboten von Udo Lindenberg und Klaus Kinski sowie im „Fachjargon“ eines Marktschreiers, eines Flugkapitäns („Die Hexe wird gebeten, sich zum Ofen zu begeben und ihr Leben einzustellen!“) und eines Fußballreporters („Gretel startet einen Entlastungsangriff und stößt die Hexe in den Ofen! Tot, tot, tot!“). Einfach nur grandios, oder um es mit der „Conclusio“ des Künstlers zu sagen: „Lieber ein angezogener Netenjakob als ein nackter Markus Lanz!“

Von Wilfried Apel

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