Das Tagebuch des radelnden Reporters: Schlussetappe bei strömendem Regen

Ein Kuss zum Abschied

Wer so zäh ist, muss weiblich sein: Nach sechs schönen Tagen im Sattel verabschiedet sich HZ-Redaktionsleiter Kai A. Struthoff mit einem Kniefall und einem Abschiedskuss von seiner treuen Begleiterin. Foto: Manuela Struthoff

WeHrda/Bad Hersfeld. Der Himmel weinte bittere, feuchte Tränen, als ich am Samstagmorgen mein treues Corratec-Fahrrad zum letzten Mal mit den Packtaschen belud. Fünf Tage Bombenwetter – und ausgerechnet für die Schlussetappe musste ich noch das Regenzeug auspacken. Dabei gibt es zum Weinen gar keinen Grund: Die HZ-Jubiläumsradtour war ein wunderbares Erlebnis und hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Schon am Freitag sausten wir über die Berge, als spürte meine treue Begleiterin, dass es jetzt Heim geht. Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass mein Fahrrad weiblich ist. Denn so zäh und hart im Nehmen können eigentlich nur Frauen sein. Über Stock und Stein, über Schotterpisten und schlammige Waldwege hat mich meine Partnerin brav getragen. Von Burg Fürsteneck sausten wir gen Tal nach Eiterfeld und trafen vorm Rathaus Bürgermeister Hermann-Josef Scheich, der eigentlich die Mittagspause für einen kurzen Besuch beim Friseur nutzen wollte. So aber drehte er sofort um und nahm sich Zeit für ein kurzes Gespräch. In Eiterfeld ist neben den Finanzen die Dorferneuerung derzeit das große Thema, und der Bürgermeister verspricht sich davon ein Zusammenrücken aller Ortsteile der Gemeinde.

Nach dem Besuch im Rathaus stand der letzte große Anstieg der Radtour auf dem Fahrplan. Über Dittlofrod kletterten wir hinauf nach Oberstoppel. Ich mag den weiten Blick in die Kuppenrhön und die kleine Kirche lud zu einer besinnlichen Pause ein. Danach ging es mit Volldampf ins Tal. Wohl zum letzten Mal auf dieser Tour zeigte der Tacho über 50 Stundenkilometer.

Der Traum von Zuse-Valley

Über Neukirchen und Rhina ging es dann hinauf nach Wehrda zur Museumsscheune von Jürgen Klähn. Ich bin sehr beeindruckt von all den kulturellen Projekten, die der Sozialpädagoge dort gemeinsam mit seiner Frau und dem Förderverein angeschoben hat. Sein großer Traum vom Zuse-Valley hat sich bislang noch nicht verwirklicht, obwohl Politiker aller Parteien ihre Unterstützung zugesagt haben. Derzeit werden in Wiesbaden die Karten neu gemischt. Wer weiß, vielleicht erfährt der Computer-Pionier in Haunetal dann auch eine gebührende Würdigung.

98 Jahre alt und hellwach

Mindestens ebenso beeindruckend wie die Kulturscheune mit ihrer Kinderbibliothek, der Bühne und der Werkstatt war für mich aber das Gespräch mit Jürgen Klähns 98-jährigem Schwiegervater Karl Denkel. Der rüstige und hellwache alte Herr hatte im zweiten Weltkrieg in einem Fahrrad-Bataillon an der Ostfront gedient und ist mehrfach verwundet worden. Was ist dagegen meine Jubiläumsradtour?

Ohne mit dem Wetter zu Hadern stieg ich deshalb am Samstagvormittag zur letzten Etappe aufs Rad. Im Gepäck hatte ich einen kleinen selbstgebackenen Kuchen der Familie Klähn. Das Gepäck mit Plastiktüten geschützt erreichte ich um 11 Uhr pudelnass Bad Hersfeld. Schweren Herzens verabschiedete ich mich im Fahrrad-Fachgeschäft von Angelika Riebold mit einem Kuss von meiner treuen Begleiterin.

Was bleibt ist die Erinnerung an eine wunderbare Woche voller interessanter Begegnungen mit vielen großartigen und großzügigen Menschen. Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre vorzügliche Gastfreundschaft!

Glück gehabt hat auch unser sparsamer Geschäftsführer Markus Pfromm. Von den 25 Euro Fahrgeld (die ich freilich noch gar nicht bekommen habe) habe ich keinen Cent ausgegeben – dank der Großzügigkeit unserer Leser.

Markus Pfromm schlägt vor, ich solle jetzt ein Buch schreiben mit dem Titel: „Wie ich ein paar Kilometer Fahrrad fuhr, um mich mal so richtig satt zu essen.“ Wer weiß, vielleicht mache ich das sogar. Geschichten habe ich genug gehört. Aber vielleicht fahre ich auch einfach wieder los.

Wir sehen uns unterwegs!

Von Kai A. Struthoff

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