Ein fiktives Interview des Festspielintendanten Holk Freytag mit Thomas Mann

Zu kurz gesprungen?

Würde sich Thomas Mann wundern, dass aus seinem 1200-Seiten-Roman ein ungefähr zwei Stunden dauerndes Bühnenstück geworden ist? Festspielintendant Holk Freytag führte ein fiktives Interview mit dem berühmten Schriftsteller.

Bad Hersfeld. Der Zauberberg von Thomas Mann steht in diesem Jahr auf dem Spielplan der Bad Hersfelder Festspiele. Grund genug für Intendant Holk Freytag eine spirituelle Verbindung zu dem 1955 verstorbenen Schriftsteller zu suchen. So entstand dieses – natürlich fiktive – Zwiegespräch.

Holk Freytag: Sehr verehrter Thomas Mann, verzeihen Sie, dass ich Ihre Totenruhe im Literatenhimmel störe. Aber über Ihren Hausverlag S.Fischer habe ich erfahren, dass Sie sich sehr für die Bühnenbearbeitung Ihres Zauberbergs bei den diesjährigen Bad Hersfelder Festspielen interessieren.

Thomas Mann: Sehr geehrter Herr Freytag, das ist richtig. Wie Sie wissen, habe ich mich zwölf Jahre mit dem Zauberberg beschäftigt, bis ich 1924 die beiden Bände, diese in zwölfhundert Seiten ausgebreitete Gedankenkomposition herausgab. Zwölfhundert Seiten, das macht für mich über den Daumen – verzeihen Sie diesen einfältigen Begriff – gute zwanzig Stunden Theater? Und kürzer wäre doch wohl - zu kurz gesprungen, oder? Was hat Sie bitteschön veranlasst, diesen großen Roman in Szene zu setzen?

Holk Freytag: Für mich sind Ihr Zauberberg und „Die Ästhetik des Widerstandes“ von Peter Weiß die beiden wichtigsten deutschen Romane des 20. Jahrhunderts. Der eine beschreibt das Herannahen der Katastrophe, der andere die Folgen. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir beide Bücher heute haben und dem 21. Jahrhundert das Schicksal des 20. ersparen können. Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen Ihren Zauberberg hier in Bad Hersfeld zeigen zu können.

Thomas Mann: Als ich 1951 aus den USA zurückkehrte, lebte ich mit meiner Frau bis zu meinem Tode 1955 in Kilchberg bei Zürich in der Schweiz. Die Bad Hersfelder Festspiele waren gerade gegründet. Eine famose Idee. Leider ließ meine Gesundheit es nicht mehr zu, die Festspiele mit ihrer imposanten Stiftsruine zu besuchen. Aber verraten Sie mir, wie Sie mit meinem Sanatorium, dem Berghof, in Ihrer Stiftsruine umgehen wollen?

Holk Freytag: Das darf ich Ihnen noch nicht verraten, aber soviel kann ich sagen: Ihr Werk erhält so viel Methaphysik, dass die ehrwürdigen Mauern der Stiftsruine sich nicht dagegen auflehnen werden – mit anderen Worten, wir nehmen den Berghof als Bild für die europäische Geschichte und siedeln ihn einfach in einem erweiterten Geschichtskreis an.

Thomas Mann: Mein Romanheld, Hans Castorp, kommt aus Hamburg. Der junge Mann ist ein simpler Held, ein Familiensöhnchen und Durchschnittsingenieur. In der fieberhaften Hermetik des Zauberbergs aber erfährt dieser schlichte Mensch eine Steigerung, die ihn zu moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern fähig macht, von denen er sich in der Welt, die immer ironisch als das „Flachland“ bezeichnet wird, nie hätte etwas träumen lassen. Was halten Sie von meinem Hans Castorp, mit wem werden Sie ihn besetzen?

Holk Freytag: Ich habe Sie stets dafür bewundert, wie Sie einen an sich ganz durchschnittlichen, vielleicht sogar etwas einfach strukturierten Menschen zum faszinierenden Forschungsobjekt eines riesigen Romans zu machen verstehen. Darf ich das etwas salopp sagen, eigentlich ist doch dieser Hans Castorp eine Dumpfbacke – es ist Ihr Genie, ihn uns so schillernd in allen Aspekten vorzuführen. In unserer Aufführung wird er gespielt von einem ganz wunderbaren und vielversprechenden jungen Schauspieler: Sören Wunderlich – selbstverständlich kommt er aus Hamburg, quasi im Dunstkreis von Lübeck, Ihrer Heimatstadt.

Thomas Mann: Die Geschichte von Hans Castorp ist, wenn ich mich selbst mal zitieren darf – weil’s auch damals schon so recht gesagt war – die Geschichte einer Steigerung. Diese Geschichte geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung der Figuren tut sie das. Sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. Joachim Ziemssen, Clawdia Chauchat, Mynheer Peeperkorn, Settembrini und wie sie alle heißen. Wer, darf ich fragen, sind Ihre Protagonisten, die Hans Castorp in den sieben Märchenjahren seiner Verzauberung begleiten?

Holk Freytag: Sie werden Ihre helle Freude an meinen/Ihren Protagonisten haben: Da ist Daniel Friedrich als Hofrat, da ist Wolfgang Jaroschka als Mynheer Peeperkorn, da ist Stephan Ullrich als vielberedter Settembrini und da ist die schöne und unnahbare Charlotte Sieglin als Clawdia Chauchat. Vor zwei Jahren hat sie ihr Publikum schon als Warwara in den Sommergästen bezaubert.

Thomas Mann: Lieber Herr Freytag: Ich litt niemals unter solch heute modischen Literaten-Erscheinungen wie Schreibblockaden – im Gegenteil: Mein Roman ist weit über das hinausgewachsen, was der Autor ursprünglich mit ihm vorhatte. Aus der Short Story wurde der zweibändige Wälzer – ein Malheur, das sich nicht ereignet hätte, wenn der Zauberberg das geblieben wäre, was viele Leute anfangs in ihm sahen: Eine Satire auf das Leben im Lungen-Sanatorium. Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, aber es gab damals nicht geringes Aufsehen in der medizinischen Welt, das Werk erregte darin teils Zustimmung, teils Entrüstung, auch einen kleinen Sturm in den Fachblättern. Wie sehen Sie die Geschichte, wie wird mein Roman in Ihrer Bühnenbearbeitung interpretiert? Wer hat diese eigentlich gemacht und wer führt Regie?“

Holk Freytag: Regie führt der hochbegabte polnische Regisseur Janusz Kica, der im vergangenen Jahr sein Publikum mit seiner überaus poetischen Inszenierung des „Dschungelbuchs“ von Ihrem Kollegen Rudyard Kipling begeistert hat.

Thomas Mann: Ich hoffe, er kann auch Menschen inszenieren . . .

Holk Freytag: Na, die Bearbeitung haben zwei Geistesverwandte von Ihnen gemacht – Vera Sturm und Hermann Beil, beide haben Jahrzehnte mit Claus Peymann als Dramaturgen gearbeitet – Sie kennen Peymann . . .

Thomas Mann: Flüchtig. In dem mit Schnee betitelten Kapitel meines Romans, wo der in tödlichen Höhen
verirrte Hans Castorp sein Traumgedicht vom Menschen träumt, findet er zwar den Gral, die Idee einer zukünftigen, durch tiefstes Wissen um Krankheit und Tod hindurchgegangenen Humanität, nicht, erahnt ihn aber doch im todesnahen Traum, bevor er von seiner Höhe herab in die europäische Katastrophe gerissen wird. Können Sie schon verraten, wie Sie diese Schlüsselszene den Zuschauern anbieten werden?

Holk Freytag: Sie haben nie einen Kriminalroman geschrieben – wenn Sie es jemals getan hätten – würden Sie dann auf der ersten Seite den Täter verraten? Aber Scherz beiseite, wollen Sie uns noch einen letzten Interpretationstipp verraten?

Thomas Mann: Sehr geehrter Herr Freytag, es ist ein Irrtum, zu glauben, der Autor selbst sei der beste Kenner und Kommentator seines eigenen Werkes. Er ist das vielleicht, solange er noch daran wirkt und darin verweilt. Aber ein abgetanes Werk wird mehr und mehr zu etwas von ihm Abgelöstem, Fremdem, worin und worüber andere mit der Zeit viel besser Bescheid wissen als er, so dass sie ihn an vieles erinnern können, was er vergessen oder vielleicht sogar nie klar gewusst hat. Ich freue mich deshalb schon auf den Zauberberg bei den Bad Hersfelder Festspielen und werde zur Premiere am 27. Juni kommen und wünsche Ihnen Toi! Toi! Toi!

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