HZ-Interview mit Festspielintendant Holk Freytag über den Welttheatertag und die Finanznot der Bühnen

Die Axt und die Kultur

Holk Freytag wurde 1943 in Tübingen geboren und wuchs in Köln und Moers auf. Nach dem Studium der Theater- und Musikwissenschaft leitete er zunächst den Theaterkeller in Neuss. 1975 gründete er das Schlosstheater Moers und war dort als Intendant tätig. Von 1988 bis 1996 war er Generalintendant der Wuppertaler Bühnen und übernahm von 1996 bis 2001 die Schauspielintendanz des Schillertheaters in Nordrhein-Westfalen. Von 2001 bis 2009 war er Intendant des Staatsschauspiels Dresden. Ab der Festspielsaison 2010 ist Freytag Intendant der Bad Hersfelder Festspiele.

Bad Hersfeld. Am 27. März ist Welttheatertag. Aus diesem Anlass hat die Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins unter Vorsitz des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Holk Freytag, zu einer Solidaritätskundgebung gegen die angedrohte Schließung des Wuppertaler Schauspiels und anderer Theater aufgerufen. Kai A. Struthoff sprach mit Holk Freytag über den alten Konflikt zwischen Kultur und Geld.

Herr Freytag, ist der Welttheatertag für Sie ein freudiger oder ein trauriger Tag?

Holk Freytag: Es ist ein kämpferischer Tag. Wir wollen in diesem Jahr Kräfte mobilisieren, um gegen einen Niedergang des deutschen Theatersystems zu kämpfen. Ich habe eine solche Demonstration, wie sie für Sonnabend geplant ist, noch nie erlebt. Es kommen 59 Theater nach Wuppertal.

Viele Theater stehen finanziell mit der Rücken zur Wand. Wie ernst ist die Lage?

Freytag: Sehr ernst! Ob wir eine Chance haben, das Wuppertaler Schauspiel zu retten, weiß ich nicht – aber ich bin optimistisch. Doch viele Theater stehen wegen Etateinsparungen vor dem Aus: Dessau, Oberhausen, Essen, Dortmund, Hagen, Neustrelitz, Neubrandenburg. Das geht quer durch die Republik.

Die öffentlichen Kassen sind leer, überall muss gespart werden. Ist es da überhaupt vertretbar, Subventionen für Luxus wie Theater zu fordern?

Freytag: Theater-Schließungen sind tiefe Einschnitte in die Infrastruktur einer Kommune. Ich habe vor Jahren in Wuppertal mal mal aufgezeigt, was es bedeutet, wenn man das dortige Opernhaus schließt. Dann gäbe es keinen Chor mehr, keine Weihnachtskonzerte, die Musikschulen und die Musikhochschule wären zusammengebrochen. Wenn das Schauspiel geschlossen wird, schneidet man junge Menschen von der Fortschreibung unserer dramatischen Kultur ab.

Heute übernimmt das Fernsehen vielfach die Funktion des Theaters. Warum also Zwangssubventionen für das Theater?

Freytag: Das Theater wurde immer zwangssubventioniert. Das begann vor 2500 Jahren in Griechenland. Es geht auch nicht darum, dass ein Medium das andere ablöst. Aber Theater ist das einzige Medium, bei dem man auf dem Marktplatz zwei Böcke aufstellen kann, ein Brett drüber legt, sich draufstellt und sagt: Ich bin Hamlet – und alle glauben das. Das schafft das Fernsehen nicht. Das Live-Erlebnis ist immer ein Anderes.

Wir leben in einer Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage. Muss sich nicht auch ein Theater selbst tragen können?

Freytag: Selbstverständlich, da reden Sie auch genau mit dem richtigen Intendanten. Die Bad Hersfelder Festspiele spielen 70 Prozent ihres Etats ein. Aber das ist nicht auf ein Staats- oder Stadttheater übertragbar. Natürlich, die Einnahmen der Theater müssen gesteigert werden, das ist unbestritten und seit Jahren eine Forderung auch des Bühnenvereins. Aber die Theaterlandschaft ist auch dafür da, unsere Kultur und damit unser Selbstwertgefühl weiter zu transportieren.

Funktioniert das?

Freytag: Im deutsch-sprachigen Theatersystem – also auch in Österreich und der Schweiz – finden 70 Prozent aller Uraufführungen in Europa statt. Nur dieses System schreibt fort, was an Dramatik produziert wird. Ein weltweit bedeutender Dramatiker wie Heiner Müller hätte in einem kommerzialisierten System keine Chance gehabt.

Auch das Budget der Bad Hersfelder Festspiele ist seit jeher ein Reizthema zwischen Intendanten und der Stadt. Reicht das Geld, um damit Ihre hohen künstlerischen Ansprüche zu verwirklichen?

Freytag: (lacht) Reden wir darüber nach meinen ersten Festspielen. Es ist ein gemeinsamer Kampf aller, unsere Vorhaben auch zu finanzieren. Dabei geraten wir an Grenzen. In den nächsten Jahren müssen wir mehr Mittel akquirieren – nicht um den Bund oder die Stadt zu entlasten, sondern um die Qualität steigern zu können. Dafür müssen wir Firmen als Sponsoren ansprechen und die entsprechenden Kulturtöpfe anzapfen. Deshalb haben wir bereits die Zusammenarbeit mit unseren Haupt-Unterstützern, der Sparkasse, B. Braun in Melsungen und K+S, intensiviert, und ihnen speziellen Sponsoring-Pakete angeboten.

Zur Zeit sind sie gerade daheim am Niederrhein, um den „Tell fertigzumachen“, wie Sie sich ausdrückten. Was dürfen wir erwarten?

Freytag: Ich muss jetzt das Textbuch fertig bekommen. Deshalb sitze ich am Computer, ich streiche, und ich stelle Dialoge um. Das Stück wird letztlich zwei Stunden und 15 Minuten lang werden.

Sie gehen dabei aber nicht mit der Axt zu Werke, wir werden all die berühmten Zitate hören?

Freytag: Keine Sorge, die Zitate bleiben drin. Die Axt im Haus erspart zwar den Zimmermann, aber ich bearbeite den Tell nicht mit der Axt.

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