Michael Jentzsch erzählte in der City Galerie von seinem Blutsbruder aus Liberia

Den Krieg überlebt

Autor und Liberia-Kenner Michael Jentzsch, Lehrerin Janine Apel-Herrmann und Martin Knauff (von links), der die City Galerie für die Veranstaltung im Vorfeld des Sponsorenlaufs der Geistalschüler für das SOS-Kinderdorf in Monrovia zur Verfügung stellte. Fotos: Maaz

Bad Hersfeld. Kinder, die mit neun Jahren zu Soldaten ausgebildet werden, Hunger, Verrat, Vergewaltigung und Kannibalismus. Unvorstellbar grausam und beeindruckend zugleich war das, was Michael Jentzsch vor über einhundert Zuhörern am Dienstagabend in der City Galerie erzählte. Die Veranstaltung war Teil der Liberia-Spendenaktion der Geistalschüler (HZ berichtete).

Als Kind lebte Jentzsch mit seinen Eltern, die beide Missionare waren, in Liberia. Beim Angeln lernte er Benjamin „Ben“ Kwato-Zahn kennen, die Jungs wurden Freunde und schlossen Blutsbrüderschaft. Doch als in Liberia Ende 1989 ein Bürgerkrieg ausbrach und Jentzsch’ Familie flüchtete, wurde ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Mit Fragen gequält

Schlange stehen für eine persönliche Widmung: Viele der über einhundert Zuhörer kauften Jentzschs Buch „Blutsbrüder“.

Ein letztes Mal sahen sich die Teenager beim Rasenmähen. „Nimm mich mit!“, hat sein Blutsbruder ihn angefleht, doch Michael Jentzsch schätzte die Lage damals falsch ein, über Bens Angst lachte er nur. Später quälte ihn die Frage: „Hätte ich ihn retten können? Lebt Ben überhaupt noch?“

Mit 28 Jahren führte Jentzsch ein „spießiges“ Leben als Lehrer mit Frau, Kindern und Haus, nur der Hund fehlte noch. Doch die Vergangenheit holte ihn ein, als er einen Film mit Bruce Willis sah. Mit Hilfe eines ehemaligen Gärtners und eines „Kopfgelds“ von 700 US-Dollar machte er sich auf die Suche nach Ben, und so klein die Chance auch war, fand er seinen west-afrikanischen Blutsbruder tatsächlich wieder. Auch Ben war im Krieg als Soldat rekrutiert worden, ihm gelang es aber zu desertieren.

Die beiden Männer besuchten sich und es entstand das gemeinsame Buch „Blutsbrüder – Unsere Freundschaft in Liberia“. Ihre ungewöhnliche Geschichte faszinierte viele, auch in Günther Jauchs „Stern TV“ war das Team zu Gast.

Mit vielen Bildern und einer charmant-lebendigen Art nahm Jentzsch das Publikum in der City Galerie mit auf eine Reise in die Vergangenheit, die ziemlich grausam war, aber auch viele schöne und lustige Momente beinhaltete. Im Anschluss beantwortete er die Fragen aus dem Publikum zur aktuellen Situation Liberias oder zum heutigen Leben Bens und dessen Familie.

Zuvor hatte Jentzsch seine Geschichte bereits an der Geistalschule erzählt. Die Schüler planen für den 17. April einen Sponsorenlauf am Linggplatz, bei dem Spenden für das SOS-Kinderdorf im liberischen Monrovia gesammelt werden sollen, in dem Kriegswaisen und ehemalige Kindersoldaten leben. „Die Schüler waren 90 Minuten still und ganz gefesselt, gerade die Jüngeren“, so Elternsprecherin Manuela Struthoff, die die Jugendlichen bei der Organisation der Spendenaktion gemeinsam mit Lehrerin Janine Apel-Herrmann unterstützt.

„Ich versuche, aufklärende Arbeit zu leisten und die Menschen für Liberia und die Situation dort zu sensibilisieren“, sagt Michael Jentzsch. „Wir müssen alle mehr Menschlichkeit und Brüderlichkeit leben.“

Von Nadine Maaz

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