Ruben Tolmachov, Leiter des Kiewer Knabenchores, über den Krieg in der Ukraine

Der Krieg ist in den Köpfen

Der Kiewer Knabenchor unter der Leitung von Ruben Tolmachov tritt am Gründonnerstag in Bad Hersfeld auf. Foto: nh

Bad Hersfeld. Ruben Tolmachov und seine Jungen kommen aus einer Welt, die sich während der vergangenen eineinhalb Jahre dramatisch verändert hat. Obwohl Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, selbst kein Kampfgebiet ist, fühlen die Menschen dort den Krieg jeden Tag, berichtet Tolmachov.

Vier der erwachsenen Sänger sind eingezogen worden und kämpfen als Soldaten im Osten des Landes, sagt der Chorleiter. Einer von ihnen wurde angeschossen und schwer verwundet. Er sei nun nach sechs Wochen im Krankenhaus wieder zurück im Kampfgebiet, erzählt Tolmachov. Zwei weitere Sänger seien gerade in der militärischen Ausbildung. Er ist froh um jeden, der mit dem Hinweis auf Ausbildung und Studium oder aus gesundheitlichen Grünen nicht zum Militärdienst eingezogen wird.

Ein Stück Normalität

Auch im Leben der jüngeren Sänger ist der Krieg sehr präsent, in ihrer Sprache oder ihren Spielen. „Der Krieg ist tief in ihre Köpfe eingedrungen. Sie sind nicht einmal erstaunt, wenn wieder Nachrichten kommen, dass zehn oder 20 oder 30 Menschen getötet worden sind. Das ist nicht gut“, sagt Tolmachov. Seine Aufgabe als Chorleiter sieht er unter anderem darin, die Jungen abzulenken, ihnen ein Stück normales Leben zu geben. Sie sollen zur Schule gehen, singen, Musik machen, reisen. „Singen ist wie Therapie“, ist Tolmachov überzeugt. Deshalb will er unter allen Umständen weitermachen. „Wir haben ein Talent, das uns von Gott gegeben wurde. Dieses Talent müssen wir auch nutzen, zur Ehre Gottes und um zu zeigen, dass unser Land hohe Kunst hervorbringt und kulturell nahe bei Europa ist.“

Besonders am Herzen liegt ihm deshalb das A-cappella-Programm, das der Chor am Donnerstag, 2. April, ab 18 Uhr in der Neuapostolischen Kirche in Bad Hersfeld aufführen wird. Dort wird der Chor Passionsmusik aus der orthodoxen, der protestantischen und der katholischer Liturgie singen. „Wir glauben alle an den einen Gott und singen die spirituelle Musik der Welt“, betont Tolmachov.

Zu schaffen macht den Menschen in der Ukraine und damit auch den Familien der Chorsänger zudem die wirtschaftliche Situation. Die werde jeden Tag schlechter, berichtet Tolmachov. Vielen Eltern sei es diesmal nicht möglich gewesen, ihren Beitrag zu den Reisekosten des Chores zu leisten. Er ist deshalb glücklich, dass die Reise mit Unterstützung des Arbeitskreises für Musik trotzdem ermöglicht wurde. Wie immer ist der Kiewer Knabenchor die etwa 1800 Kilometer lange Strecke mit dem Bus angereist. 24 Stunden habe das diesmal gedauert und sei erfreulich schnell gegangen, meint der Chorleiter.

Tolmachov ist übrigens voll des Lobes für Siegfried Heinrich, der sich auch von den Unruhen nicht davon abhalten ließ, in die Ukraine zu reisen und dort zu proben. „Wir bewundern Herrn Heinrich sehr in Kiew“, betont der Chorleiter.

Von Christine Zacharias

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