250 Dinge, die wir an der Region mögen (95): Der Lindenplatz in Wehrda

Krieg um das Halseisen

Idyllisch: Der Wehrdaer Lindenplatz. Foto: Miehe

Wehrda. In einigen Gemeinden unseres Landkreises gibt es alte Dorfplätze, die als öffentlich-rechtliche Plätze eine lange Geschichte haben. Diese in der Regel mit einer mehr oder weniger alten Linde bestandenen Plätze werden in unserer Heimat „enger dar Leng“, unter der Linde, genannt – im Osten, so auch schon in Heringen, und nördlich unserer Region werden diese Plätze als „Anger“ und im niederdeutschen Sprachraum als Tie“ bezeichnet. Die Lindenplätze waren öffentliches Zentrum des Dorfes, waren Stätten der Begegnung und unter anderem auch Tanzplatz, letzteres bis ins 19. Jahrhundert.

Stätten des Anprangerns

Diese öffentlichen Plätze waren oft aber auch Stätten der Anprangerung und Diffamierung. Und zwar geschah das Anprangern hier nicht nur im übertragenen Sinne durch üble Nachrede, sondern noch tatsächlich. Schließlich wurde auf den meisten dieser Plätze noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter freiem Himmel offiziell Gericht gehalten. Je nach Funktion und Stellung fanden in den jeweiligen Orten unterschiedliche Gerichtsarten statt, einerseits die niedere, andererseits die höhere Gerichtsbarkeit. Da das Gerichtswesen an die jeweiligen Machtverhältnisse gekoppelt war, drückte sich oftmals in Auseinandersetzungen über die Gerichtsbefugnisse auch ein Herrschaftsanspruch aus. Einen Halseisenstock beziehungsweise Pranger, an dem die Straftäter zur Schau gestellt wurden, hatten zum Beispiel nur die höheren Gerichte.

Um das Halseisen in Wehrda gab es einen heftigen Streit. Beanspruchten doch die Wehrdaer Adeligen als Teil der höheren Gerichtsbarkeit auch ein Halseisen. Im 18. Jahrhundert versuchte das Stift Fulda seinen Einfluss in den nördlichen Reichsritterschaften auszuweiten beziehungsweise zu festigen und wollte den Wehrdaer Adeligen das Halseisen entziehen. Wehrda wollte jedoch seine über Jahrhunderte innegehabten Machtbefugnisse und Gerichtsrechte nicht aufgeben. 1746 war der Konflikt eskaliert. Die Wehrdaer Herren von Trümbach maßten sich an, den Halseisenstock mit der Begründung „wegen Altersschwäche“ umzulegen und haben am 7. Mai 1746 vor Sonnenaufgang einen neuen aufgestellt.

Tote auf beiden Seiten

Dem darauf herbeigeeilten Fuldaer Beamten, der darin eine Provokation sah, machte man deutlich, dass der Stock, wenn er wegen Altersschwäche umgefallen sei, von ihnen wieder aufgestellt worden sei, wie schon seit Jahrhunderten. Da Fulda bei den Wehrdaer Herrschaften im Guten nichts ausrichten konnte, musste man gegen diese mobilisieren. Doch die Wehrdaer Untertanen verteidigten ihren Halseisenstock mit Gabel, Knüppeln und Stangen, auch Schüsse fielen, so standhaft – zwei Tote und viele Verwundete waren auf jeder Seite zu beklagen –, dass die 300 Fuldaer letztlich unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten.

Drei Tage später rückten nun aber 3000 Fuldaer Untertanen an. Da die Wehrdaer diese Maßnahme erwartet hatten, waren sie bereits mit Hab und Gut ins nahe hessische Gebiet geflüchtet – nur ein paar „Weiber und Kinder“ waren zu Hause geblieben. Diese ließ man nun den Halseisenstock ausgraben, auf Stangen nach Neukirchen tragen und dort wieder einsetzen.

Prozesse über Jahrzehnte

Einhergehende Prozesse, bei denen die Vorgänge beim Halseisenkrieg aufgearbeitet wurden, zogen sich über Jahrzehnte hin – ein ausführliches Aktenmaterial zeugt davon.

Bis 1813 hat man auf dem Wehrdaer Lindenplatz noch Gericht gehalten, wenn auch das Halseisenstehen als Strafmaßnahme des höheren Gerichts nicht mehr verhängt werden konnte.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Lindenplatz umgestaltet, anstelle der einen Linde hat man nun acht Linden im Rondell gepflanzt. Als öffentlich-rechtlicher Platz behielt der Lindenplatz aber eine gewisse Funktion im Dorfleben. Wichtige Bekanntmachungen, so unter anderem die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg, verkündete der Ortsdiener auf dem Lindenplatz. In den letzten Jahrzehnten hat man zudem mehrfach bei Kirchenfesten unter den Linden einen Tanz veranstaltet. Auch die Weihnachtsmärkte hielt man in den vergangenen Jahren dort ab. Halseisen aufgestellt Ende der 90er-Jahre wurde auf Initiative des örtlichen Männergesangvereins auf dem Lindenplatz schließlich wieder ein Halseisen aufgestellt. Zum Halseisenstehen wurde seither aber noch niemand angeprangert. Ob man mit dem Halseisen zeichenhaft etwas mit der Stellung innerhalb der Großgemeinde signalisieren oder ob man damit nur an die illustren Geschehnisse beim Halseisenkrieg erinnern wollte, sei dahingestellt.

Von Brunhilde Miehe

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