Eine faszinierende Hamlet-Premiere der Festspiele trotz des Dauerregens

Komödie und Totentanz

Letztes Gefecht: Dänenprinz Hamlet kreuzt mit Ophelias Bruder Laertes (René Oley, rechts) die Klingen, von denen eine vergiftet ist. Die Königin (Anna Franziska Srna) trinkt auf das Wohl der Fechter – aber auch der Wein im Kelch ist vergiftet. König Claudius (Benedict Freitag) kann die tödliche Panne nicht verhindern. Fotos: Ludger Konopka

Bad Hersfeld. Am Ende lagen die Akteure hingestreckt auf dem regennassen Laufsteg der Fechter, alle bis auf den Titelhelden leichenhaft geschminkt, und der Totengräber, als einziger noch stehend, krempelte seine Hemdsärmel auf: Schlussbild einer mitreißenden „Hamlet“-Premiere am Mittwochabend in der Stiftsruine.

Das Ensemble um Hamlet-Darsteller Bastian Semm spielte das Shakespeare-Drama mit Tempo, Leidenschaft und durchgängig hoher Sprechqualität und ließ sich auch durch den pausenlos niederprasselnden Regen nicht aus dem Konzept bringen. Die Zuschauer in der nur zu etwa zwei Dritteln besetzten Ruine bedankten sich mit kräftigem Beifall, Getrampel und Bravo-Rufen.

Regisseur Jean-Claude Berutti und sein Bühnen- und Kostümbildner Rudy Sabounghi überraschten ihr Publikum mit einer in Ablauf, Bildern und Charakteren erfrischend unkonventionellen und zu jeder Sekunde fesselnden Inszenierung des klassischen Stoffs.

Die höfische Gesellschaft, die eben noch zwischen Beerdigungskränzen um Hamlets Vater trauert, schält sich im nächsten Moment zu Akkordeonklängen aus den schwarzen Gewändern. Hamlets Mutter, die Königin, schlüpft akrobatisch geschickt in extravagante Stöckelschuhe und pflückt sich einen Brautstrauß aus dem Grabgesteck. Der Rache fordernde Geist von Hamlets Vater erscheint als eisenklirrender Ritter in Dampf und Donner und geheimnisvollem blauen Licht. Mehrere fahrbare Leuchttische, die sich die Schauspieler bei Bedarf selbst in Position schieben, dienen als Multifunktions-Requisiten auf der großen Bühne, die ansonsten ihrer eigenen, erhabenen Wirkung überlassen bleibt.

Berutti steuert die Geschichte um den innerlich zerrissenen Dänenprinz von der grotesken Komödie zum bizarren Totentanz, zeigt einen Alptraum aus verletzten Gefühlen und zerstörten Familienbeziehungen, der auch unschuldige Opfer fordert, wie Hamlets Jugendliebe Ophelia.

Von Shakespeare zu Müller

Für das turbulente Ende seiner Inszenierung wechselt der Regisseur von der Shakespeare-Vorlage zum Text der „Hamlet-Maschine“ des DDR-Dramatikers Heiner Müller, wenn etwa der Hamlet-Vertraute Horatio in seiner Rolle als Zeitzeuge und Chronist seine Version der Ereignisse in die Reiseschreibmaschine hämmert.

Von Peter Lenz

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