Am Klinikum Bad Hersfeld werden auch größere Operationen mit minimal-invasiver Technik vorgenommen

Kleine Schnitte, große Eingriffe

Arbeiten im High-Tech-Operationssaal: Auf den Bildschirmen können Dr. Peter Vogel (Mitte) und sein Team dank einer Videokamera auch die hintersten Winkel des menschlichen Körpers genau sehen und die nur millimetergroßen Instrumente genau dirigieren. Foto: Klinikum Bad Hersfeld/nh

Bad Hersfeld. Minimal-invasive Chirurgie – so genannte Schlüsselloch-OPs – sind inzwischen weit verbreitet. Am Klinikum Bad Hersfeld werden aber nicht nur Routineeingriffe wie Gallen- oder Blinddarmentfernung und Leistenbrüche minimal invasiv operiert, sondern auch große Operationen so vorgenommen. Darüber sprach Kai A. Struthoff mit dem Chefarzt der neuen Klinik für Allgemein-, Viszerial- und Minimalinvasive Chirurgie, PD Dr. Peter Vogel

Herr Dr. Vogel, schon der Titel Ihrer neuen Klinik klingt zungenbrecherisch. Was ist das neue und besondere an dieser Klinik?

Dr. Peter Vogel: Die Viszeral-Chirurgie beschäftigt sich mit den inneren Organen, vor allem im Bauchraum. In der neuen Klinik bieten wir Behandlungen an, die über das bisher normale Maß der minimal-invasiven Chirurgie weit hinausgehen. Wir wenden diese Methode auch bei großen Eingriffen wie Dickdarm- oder Mastdarmentfernungen, bei Krebserkrankungen und auch bei Eingriffen wegen gut- oder bösartiger Erkrankungen an der Speiseröhre an.

Welche Vorteile hat das?

Dr. Vogel: Man hat vor etwa 20 Jahren mit dieser Technik der kleinen Eingriffe begonnen und sie immer weiterentwickelt. Die Vorteile sind, dass weniger Schmerzen auftreten und sich der Patient schneller erholt. Der Blutverlust ist deutlich geringer. Das schont das Immunsystem, und es gibt weniger Infektionen. Außerdem gibt es noch den kosmetischen Aspekt. Dabei geht es eigentlich nicht um Schönheit sondern vielmehr um unsere körperliche Integrität oder Unversehrtheit. Diese körperliche Unversehrtheit stellt ein hohes Gut dar und ich möchte dies als Chirurg immer soweit es geht schützen und erhalten. So hinterlässt die OP kaum Narben. Deshalb treten auch weniger Narbenbrüche auf, das ist sehr wichtig. Die Schnitte, die wir machen, sind teilweise nur noch drei Millimeter lang.

Minimal-invasive Techniken nutzen auch andere Chirurgen. Was ist das Besondere am Klinikum?

Dr. Vogel: Die großen Operationen, vor allem am Darm oder bei Krebs, werden in diesem Umfang in anderen Kliniken noch nicht angeboten. Wir können das, weil wir über speziell ausgebildete Mitarbeiter verfügen. Außerdem haben wir einen speziell dafür entwickelten Operationssaal, den es in dieser Art in Hessen nur noch an zwei anderen Kliniken gibt. Deutschlandweit verfügen überhaupt nur etwa 50 Krankenhäuser über einen derart spezialisierten OP.

Der Darm ist mehrere Meter lang, wie kann man ein so großes Organ durch einen kleinen Schnitt entfernen?

Dr. Vogel: Um den Darmteil und – bei Krebserkrankungen – die dazugehörigen Lymphknoten zu bergen, wie wir es nennen, muss dann schon eine kleinere Inzision, also ein Einschnitt, gemacht werden.

Ist diese Behandlungstechnik für den Arzt nicht sehr viel schwieriger. Sie sehen doch viel weniger, als wenn der Bauch aufgeschnitten wird, und auch die Instrumentenführung ist doch sicher viel schwieriger?

Dr. Vogel: Wir arbeiten nach wie vor mit unseren Händen und nicht Computer gesteuert. Die Sicht über eine Videokamera ist aber viel besser, weil wir damit in die vielen Winkel und Ecken sehen können, die es im menschlichen Köper gibt. Zudem können wir diese Darstellung sogar noch vergrößern. Die Bedingungen für den Operateur sind also eigentlich viel besser. Allerdings braucht man dafür eine jahrelange Übung.

Wie verläuft die dazu nötige Ausbildung?

Dr. Vogel: Unsere Fachgesellschaft hat dafür einen eigenen Ausbildungsgang festgeschrieben, der bestimmte Schritte vorsieht, die nachgewiesen werden müssen. Bevor man die Anerkennung als minimal-invasiver Chirurg bekommt, muss man nachweisen, dass man eine großen Zahl von Operationen in dieser Technik vorgenommen hat und auch drei original Operations-Videos zur Begutachtung vorlegen.

Wie groß sind eigentlich Ihre Instrumente?

Dr. Vogel: Die Kamera hat einen Durchmesser von vier, fünf oder zehn Millimeter. Die anderen Instrumente haben auch fünf Millimeter Durchmesser, wir arbeiten aber sogar schon mit Geräten die nur drei Millimeter Durchmesser haben.

Die Entwicklung der Medizintechnik schreitet schnell voran. Wir der Patient eines Tages womöglich ganz vom Computer operiert?

Dr. Vogel: Das glaube ich nicht. Der Patient ist ja kein Werkstück, sondern jeder Mensch ist anders und auch nicht aus Metall. Da wir im Millimeterbereich arbeiten und jeder Patient unterschiedlich ist, wäre eine Computer-OP gar nicht sinnvoll. Es gibt zwar auch Operationsroboter, die vor allem für den militärischen Bereich entwickelt wurden, aber auch da steuert immer der Chirurg die Instrumente.

Wo sind die Grenzen der minimal-invasiven Chirurgie?

Dr. Vogel: Es gibt Operationen, bei denen die minimal-invasive Technik keine Vorteile für den Patienten bringt. Denn dieser Vorteil muss immer im Vordergrund stehen. Gerade bei großen Operationen ist der aber, beispielsweise mit Blick auf den Blutverlust, bei minimal-invasiver Chirurgie von besonderer Bedeutung.

Welche Rolle spielt der Kostenaspekt – wenn etwa die Liegezeiten verkürzt werden?

Dr. Vogel: Die Sicherheit für den Patienten ist größer geworden. Die Investitionen für den Spezial-OP waren allerdings enorm hoch. Der Kostenaspekt steht also nicht im Vordergrund, sondern allein das Wohl des Patienten.

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