Florian Gödel arbeitet als „Verfolger“ bei den Festspielen

Kleine Leuchte für große Kunst

Hoch über dem Zuschauerraum: Florian Gödel verfolgt konzentriert die Vorstellung, um den „rechten Spot“ rechtzeitig und punktgenau zu platzieren. Foto: privat

Bad Hersfeld. Meine Anfrage bei der Stadt für einen Posten als Beleuchter bei dem Bad Hersfelder Festspielen in der Stiftsruine war schon einige Wochen her. Die Personalleiterin hatte mir mitgeteilt, dass man, wenn überhaupt, nur noch für „Anatevka“ einen „Verfolger“ suche – jeder hat seinen eigenen Namen für diesen Job – und man sich gegebenenfalls noch bei mir melden werde.

Am Tag der Premiere erreichte mich ein Anruf: Zusage, Treffpunkt 18 Uhr am Pförtnerhäuschen. Sofort wurde klar, dass ich in eine kleine Parallelwelt eintauchte, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und einer eigenen Zeitmessung: von Auftritt zu Auftritt. Das erste, was ich lernte, war, dass ich meinen Chef mit „Henrik“ anzureden hatte und nicht mit „Herr Forberg“.

Der rechte Spot

Henrik zeigte mir das Instrument, dessen zahlreiche Hebel und Knöpfe ich ab sofort zu bedienen hatte: den rechten Spot. Am selben Abend noch durfte ich kostenlos der Premiere beiwohnen, die bekanntermaßen eine recht feuchte Angelegenheit wurde. Dadurch nicht entmutigt – die Beleuchter stehen ja im Trockenen – traf ich mich am nächsten Abend in der Festspielkantine mit meinen zukünftigen Arbeitskollegen.

Wir wurden nun von Petra genauer eingewiesen, bekamen auf einigen Zetteln unsere Einsätze mitgeteilt, und ich merkte, dass meine Arbeit kaum etwas mit Kreativität zu tun hatte, sondern eher mit solidem Handwerk. Petra würde uns alle Anweisungen auch per Funkgerät durchgeben: „Macht euch nicht verrückt, es ist alles ganz einfach, und wenn ihr doch einen Fehler macht, was ganz normal ist, reißt euch hier keiner den Kopf ab.“

Wackeliger Anfang

Zwei Tage nach der Premiere wurde es ernst: Ich hatte meinen ersten Einsatz. Mein Code-Name war ab sofort „Rechts“ und Petras erste Mission für mich lautete: „Rechts, Tevje am Notausgang abfangen. Rein mit 2. Bis Abgang.“

Auch wenn ich sofort wusste, was zu tun war, die Umsetzung in die Praxis gestaltete sich zunächst ziemlich wackelig. Doch in diesen Augenblicken darf man sich nicht von sich selbst oder von den zahlreichen Zuschauern beeindrucken lassen. Man muss sich voll und ganz auf den Schauspieler konzentrieren und versuchen, jede Bewegung mitzugehen: „Sei eins mit dem Spot“– oder so ähnlich.

Kein abgespultes Programm

Auch nach einem halben Dutzend Vorstellungen gibt es aber immer noch Neues zu entdecken. Was mich wirklich erstaunt hat, ist, wie abgeklärt Tevje, Golde, Perchik, Zeitel und Co. Unvorhersehbares hinnehmen und so erscheinen lassen, als wäre es geplant gewesen: Der Versprecher oder die Flasche, die beim Balancieren vom Kopf fällt.

Das geht nur, weil jede Vorstellung nicht einfach ein abgespultes Programm, sondern ein kleiner „Kosmos Anatevka“ ist, in dem Michael Schanze beispielsweise nicht Michael Schanze, sondern tatsächlich Tevje ist.

Dabei erscheint mein Beitrag zu diesem Kosmos ziemlich klein, doch auch die kleinste Leuchte wird für große Kunst gebraucht.

Florian Gödel (19) hat gerade sein Abitur am Obersberg gemacht. Er war Chefredakteur der Schülerzeitung und vor kurzem Praktikant in der HZ-Redaktion.

Von Florian Gödel

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