Kabarettist Severin Groebner prangerte im Buchcafé rücksichtslose Zerstörung an

K(l)eine heile Welt

Der Wiener Kabarettist Severin Groebner versucht als „kleiner Mann, die da oben“ zu verstehen. Foto: Rödiger

Bad Hersfeld. Der kleine Stadtpark mit dem kleinen Straßencafé ist sein wichtigstes Refugium. Hier kann Kabarettist Severin Groebner mit seinen Freunden bei einem Bierchen vom Alltagsstress ausspannen. Nun ist sein Lieblingsort vom Neubau eines riesigen Einkaufszentrums bedroht.

So beginnt die fiktive Geschichte, in der sich der Wiener Kabarettist aufmacht, um die Verantwortlichen für die rücksichtslose Zerstörung seiner kleinen heilen Welt zur Rede zu stellen. Bei seinem ersten Gastspiel im Bad Hersfelder Buchcafé am Freitagabend konnte sich Groebner während der Begrüßung des Publikums einen kurzen Kommentar zur Wahl des ersten bundesdeutschen Linkspartei-Ministerpräsidenten im benachbarten Thüringen nicht verkneifen. Er bemerkte, dass dies sowohl der Beginn des Wiederaufbaus der DDR als auch der Thüringer CDU sein dürfte.

Unterstützt von drei Stammtischfreunden geht Groebner auf die Suche nach den Entscheidungsträgern dieses unpersönlichen Einkaufszentrums in seiner direkten Nachbarschaft. Seine Odyssee führt ihn von einem ignoranten Bauarbeiter zu dessen korrupten Bauunternehmer und ins Herz einer wirklichkeitsfremden Baubürokratie, die fern von Umweltgesetzen und Verordnungen letztendlich doch nur das unterstützt, wofür sie vorher auf Umwegen über Spenden und kleine Gefälligkeiten schon bezahlt wurde.

Aber wer hat das ganze in Gang gesetzt? Severins Recherchen führen ihn zu einem käuflichen Lokalpolitiker, dessen vollkommen inhaltslose Wahlkampfrede erstaunlich real klingt, hin zum Anwalt eines großen Investmentfonds.

Als Security-Mitarbeiter getarnt, gelingt es Groebner letztendlich, auf der Party eines superreichen Investors diesen als Entscheider des „unbedeutend kleinen“ Bauvorhabens auszumachen. Zu seiner Überraschung ist dieser ein alter Jugendfreund und ehemaliger linker Revoluzzer, der sich vom einstigen Weltverbesserer und Protestler zu einem IT-Milliardär mit fast unbegrenzter Macht gewandelt hat.

Der „Bonze“ macht Groebner klar, dass er die Weltrevolution nie aufgegeben hat, er hat sie dank gigantischer Börsenspekulationen, unfähiger Politiker und nicht zuletzt dank eines desinteressierten Wahlvolks zu einem siegreichen Ende für die Superreichen geführt. Kein Staat und kein Wähler habe heute noch genügend Macht und Einfluss, um die Superreichen aus aller Welt bei der Plünderung der Ressourcen zu bremsen.

Hier endet das Märchen, Severin Groebner betont beruhigend, dass er sich diese traurige Geschichte komplett ausgedacht hat – wohlwissend, dass viele Zuschauer im ausverkauften Buchcafé die offensichtlichen Parallelen zur Wirklichkeit erkannt haben und mit dem Bauchgefühl politischer Hilflosigkeit dem kabarettistischen Talent des exzellenten Akteurs begeistert applaudieren.

Von Werner Rödiger

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