50. Festspielkonzerte: Psychologische Momente um Schumann, Chopin und das Klavier

Kleine Gewalten im Salon

Begeisternd: Pianistin Ana-Marija Markovina spielte im Bad Hersfelder Johann-Sebastian- Bach-Haus am Flügel. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Die klassische Musik als gefährdetes Kulturgut sucht neue Darbietungsformen. Auch auf dem Podium des Bad Hersfelder J.S. Bach-Hauses. Verband sich dort vor zwei Wochen solistische Violoncellomusik mit Gedichtrezitationen, so nun, am zurückliegenden Festspiel-Konzertwochenende, die solistische Klaviermusik mit zugehörigen psychologisch-soziologischen Anmerkungen. Die Namen Robert Schumann und Frédéric Chopin drängen sich da auf – als dominierende Musikjubilare 2010, aber ebenso als musikpsychologische Testpersonen des 19. Jahrhunderts.

Hatte sich der Bremer Neuropsychologe Prof. Helmut Reuter am Samstag via „Genuss und Rausch“ in die „Abgründe der Seele“ begeben, so lautete das Sonntagsthema „Das Vertraute – vom Wohnzimmer zum Salon“. Neue ästhetische Erfahrungsräume also auch damals, vor bald 200 Jahren. Nicht mehr der Glanz des Fürstenhofes, vielmehr der familiär vertraute, gastlich offene, gutbürgerliche, begrenzt repräsentative Auftritt im häuslichen Rahmen.

Begleitharmonien

Robert und Clara Schumann hatten dabei noch auf die Begleitharmonien eines expandierenden Familienlebens zu achten („Wenn der Gemahl komponiert, hat Ruhe zu herrschen, wenn die Gattin Klavier übt, dann nicht“). Für Chopins Pariser Salonauftritte galten nach Auffassung des Referenten drei Attribute: elegant, kämpferisch, repräsentativ. Doch bedürfe für Chopin die Eleganz der Ordnung, der Disziplin. Auf diese Weise habe er das psychosoziale Umfeld in die ästhetische Sphäre „sublimiert“.

Für das überschaubare Stammpublikum der Festspielkonzerte darf man den nötigen Hör-Hintergrund zu Schumanns und Chopins Klaviermusik annehmen. Zumal hier mit Ana-Marija Markovina jene Pianistin zu hören war, die schon in den beiden Vorsommern am Beispiel Beethovens, Schumanns (u.a. die Kreisleriana op. 16) und Liszts in die Tiefe geleuchtet hatte. Diesmal gab sie sich betont kämpferisch - auch als sie im Saal kurzzeitig abgelenkt wurde und erregt ihr Spiel unterbrach. Danach bekam es der Konzertflügel bei Claras Vier Charakterstücken op. 5 um so heftiger zu spüren. Auch Roberts kantable C-Dur-Arabeske op. 18 wies zuvor bereits manche scharfe Kante auf.

Meisterin der Tasten

Die wahre Tastenmeisterin und -magierin offenbarte der Chopin-Teil. Wie eine Naturgewalt der grandiose Aufriss der Ballade g-Moll op. 23 mit der finalen Beschleunigung und dem Absturz im dreifachen Forte. Eine Inkarnation von Schicksal und Schmerz das Prélude Des-Dur op. 28/15, das berühmt-berüchtigte „Regentropfen“-Prélude, mit seinem unablässig als Achtelnote wiederholten Ton Gis. Schließlich Andante spianato et Grande Polonaise Es-Dur op. 22 – als vitale Verknüpfung von Saloneleganz und Freiheitsdrang nicht nur ein tönendes Bekenntnis des Komponisten zu seiner polnischen Heimat, sondern auch eines der Kölner Pianistin zu diesem Komponisten.

Von Siegfried Weyh

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