Peer Steinbrück besucht Amazon und hört zwei verschiedene Seiten einer Schallplatte

Klare Töne bei Elvis

Kanzlerkandidat im Versandlager: Der Deutschland-Chef des Internethändlers Amazon, Ralf Kleber (links), zeigte dem SPD-Politiker Peer Steinbrück (rechts) das Logistikzentrum in Bad Hersfeld. Foto: Thomas Imo/SPD

Bad Hersfeld. Das Medieninteresse ist riesig. Amazon, Steinbrück und Streik – das zieht. Doch die Kameras müssen draußen bleiben, als der SPD-Kanzlerkandidat im Verhandlungsraum „Elvis Presley“ bei Lachsbrötchen und Getränken zunächst mit Vertretern der Geschäftsleitung und dann mit Gewerkschaftern zusammenkommt.

Zuvor hatte der SPD-Politiker und Amazon-Kunde Steinbrück die Gelegenheit genutzt, bei einem Rundgang durch die Versandhallen auch seine ganz private Neugier über die Abläufe im Logistikzentrum zu stillen. Doch dann wurde es ernst.

Höflich und gesittet

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Nicht hitzig, sondern mittel-europäisch höflich und gesittet habe man miteinander gesprochen, berichtet Steinbrück danach den wartenden Journalisten. Dennoch sind offenbar deutliche Worte hinter den geschlossenen Türen gefallen. Denn im Raum Elvis Presley bekam der Kanzlerkandidat gleichsam zwei ganz verschiedene Seiten der Amazon-Schallplatte zu hören.

Die Gewerkschaftsvertreter berichteten dem Sozialdemokraten beispielsweise, dass in dem eigenes gebauten Amazonia-Kindergarten nicht ein einziges Kind von Beschäftigten untergebracht sei, weil diese sich die Kita-Gebühren nicht leisten können und Amazon keine Zuschüsse zahle.

Die Geschäftsleitung indes verwies mit einigem Selbstbewusstsein etwa auf die vielen Arbeitsplätze, die Amazon in Deutschland geschaffen habe. Gleichwohl machte Steinbrück den Amazon-Verantwortlichen klar, dass es sich die europäische Staatengemeinschaft nicht länger gefallen lassen werde, wie internationale Unternehmen die Steuersysteme gegeneinander ausspielen. Auch Amazon nutzt dabei den Umweg über Luxemburg.

Videobericht

Doch es gab auch versöhnliche Töne. „Die Geschäftsleitung gibt zu, dass das Thema Leiharbeit etwas aus dem Ruder gelaufen ist“, erzählt Steinbrück. Man habe ihm entsprechende Korrekturen zugesagt.

Fehler korrigieren

Dennoch scheint die Übereinstimmung zwischen Steinbrück, der SPD und der Gewerkschaft größer zu sein, hat auch der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth bei den Gesprächen beobachtet. Viel Kritik habe sich der Kanzlerkandidat seitens der Gewerkschaft auch nicht anhören müssen. „Wir sagen seit Langem, dass die zu große Flexibilisierung bei Zeit- und Leiharbeit ein Fehler der Agenda 2010 war, der korrigiert werden muss“, stellte Roth klar.

Viel Zeit bleibt Steinbrück nicht in Bad Hersfeld. Sein VW-Phaeton, mit dem er morgens aus Berlin gekommen war, wartet, Termine im Rhein-Main-Gebiet drängen. Ein fünf-minütiges Statement für die TV-Kameras und Mikrophone, dann ist Steinbrück wieder unterwegs. Der Wahlkampf geht weiter.

Von Kai A. Struthoff

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück in Bad Hersfeld

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