Hoffnung für kleine Patienten im Irene Salimi-Kinderhospital in Kabul/Afghanistan

Kindern Zukunft schenken

Georg Dechentreiter

Bebra. Der neunjährige Ebrahim hatte im Schatten einer Lehmmauer gesessen, als eine Steinplatte vom Dach fiel und sein Bein zertrümmerte. Die Ärzte wollten amputieren, doch der Vater des Neunjährigen ließ das nicht zu. Er kam mit Ebrahim ins vier Stunden Fahrzeit entfernte Irene Salimi-Kinderhospital nach Kabul. Dort retteten die Ärzte seinen zerstörten Unterschenkel. Nach mehreren Operationen kann er heute wieder laufen.

Es sind die schwersten Fälle, die in dieses Hospital kommen: Kinder, die woanders schon aufgegeben worden sind. Solche mit offenem Rücken zum Beispiel, mit Klumpfuß oder Wasserkopf. Das von Georg Dechentreiter und seiner Frau Helma von Trott zu Solz-Dechentreiter (Imshausen) gegründete Krankenhaus in der afghanischen Hauptstadt schickt sie nicht nach Hause.

Helma von Trott zu Solz war im Jahr 2002 in einer staatlichen Kabuler Klinik tätig, als ein 12-Jähriger mit Knochenvereiterung eingeliefert wurde. Er wäre gestorben, wenn sie nicht gemeinsam mit einem deutschen Arzt Nachtwache bei dem Jungen gehalten hätte. „Heute ist der Junge quicklebendig“, erzählt Georg Dechentreiter (53). Dieses Erlebnis war der Auslöser für Georg Dechentreiter und seine Frau Helma, ein Hospital zu gründen. Das Leben von Kindern erhalten und ihnen eine Zukunft zu schenken, das ist das Ziel.

Dechentreiter ist eigentlich Kaufmann von Beruf und seit 1995 in Afghanistan tätig. Damals war er nur für einen Kollegen eingesprungen, um für ein Jahr in einem Lepra- und Tuberkuloseprojekt in Afghanistan zu arbeiten. Doch die große Not der Menschen hielt ihn in dem Land, das die Mudschahedin halb in Trümmer gelegt hatten. Es folgten die Taliban und auch Dechentreiter musste einen Vollbart tragen. Er begann mit der Renovierung von Mädchenschulen, um Vätern Lohn und Brot zu verschaffen, deren Familien Hunger litten. Afghanen, die es sich leisten konnten, hatten das Land längst verlassen, zurückgeblieben waren die Ärmsten.

„Ich lernte ein altes Männchen kennen, das war erst königlicher Putzer gewesen, dann demokratischer Putzer, danach kommunistischer, Putzer der Mudschahedin und der nun unter den Taliban putzte. Mir war klar, die Taliban sind nicht die Letzten“, erzählt Dechentreiter. Deshalb ließ er sich nicht wie viele Einheimische entmutigen, die wenig Sinn darin sahen, die Ziegel aus den Trümmern abzuklopfen und zu stapeln. Dechentreiter hingegen dachte an die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Er sah die Not und wollte den Menschen Hoffnung geben.

2003 war es soweit, dass die 1998 abgeklopften Ziegel wieder gebraucht wurden: für das Hospital. Nach langem Klinkenputzen war genug Geld da, um anfangen zu können. 140 Kubikmeter Beton wurden von Hand gemischt, auch alle anderen Arbeiten wurden ohne Hilfe von Maschinen geleistet, rund 150 Familienväter verdienten hier den Lebensunterhalt für ihre Familien.

Georg Dechent-reiter und seine Frau Helma leiteten das Krankenhaus seit der Eröffnung im April 2005. Anfangs waren die beiden nur noch in den Ferien zu Hause in Imshausen. Inzwischen läuft das Hospital unter afghanischer Leitung fast ohne sie.

Ihr „Kind“, das Irene Salimi-Hospital, wollen Helma und Georg Dechentreiter in zwei bis drei Jahren ganz in die Selbständigkeit entlassen. Hilfe zur Selbsthilfe, das war das Ziel des Projekts, das aber auch künftig Spenden braucht, um die Kinder behandeln zu können.

Von Bebra aus wollen sie sich nun um die Stiftung kümmern. Und Georg Dechentreiter hat neue Pläne. Er spricht vom Sozialabbau hierzulande, während er und seine Frau in Afghanistan waren. Sein Eindruck ist, auch hier aktiv werden zu müssen. SITZ DER STIFTUNG/HINTERGRUND

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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