Im Haus Josia in Bad Hersfeld erhalten früh traumatisierte Kinder ein neues Zuhause

Kindern Stabilität geben

Halten viel aus: Tamara Reinicke und Axel Schuhmann leben mit traumatisierten Kindern im Haus Josia, einer therapeutisch-pädagogischen, christlich ausgerichtete Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in Bad Hersfeld. Eine wichtige Rolle spielen auch die Puppen Willy und Lucy. Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Sie sind vernachlässigt, geschlagen oder missbraucht worden und haben meist schon eine Odyssee hinter sich, bevor sie im Haus Josia in Bad Hersfeld landen. Sechs traumatisierte und bindungsgestörte Kinder und Jugendliche erhalten hier bei Tamara Reinicke und ihrem pädagogisch und psychologisch geschulten Team ein neues und stabiles Zuhause.

Geborgenheit, Stabilität und Sicherheit sind für die Kinder, die im Haus Josia leben, weitgehend unbekannte Erfahrungen, weiß die Sozialpädagogin Tamara Reinicke. Die schlimmen Erlebnisse während ihrer frühen Kinderjahre habe ihre Kräfte zur Bewältigung und Einordnung des Geschehens überstiegen. Sie haben Überlebensstrategien entwickelt, die das Zusammenleben mit anderen, auch in Schule und Kindergarten, schwierig machen. Auf die Anforderungen des täglichen Lebens reagieren sie oft mit Aggression und Zerstörungswut. Pflegefamilien oder normale Jugendhilfeeinrichtungen sind damit meist überfordert, sodass die Kinder immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich auf Erwachsene nicht verlassen können und dass sie nicht gewollt werden.

Den Kindern langfristige und tragfähige Beziehungen anzubieten, die ihnen ermöglichen, das Erlebte zu verarbeiten und neue, positive Erfahrungen zu machen, ist deshalb das zentrale Anliegen von Tamara Reinicke und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus Josia. „Wir schmeißen kein Kind raus“, betont sie. Tatsächlich sei es in den 15 Jahren des Bestehens der Einrichtung nur ein Mal vorgekommen, dass ein Mädchen nicht bleiben konnte.

Für Reinicke und ihr Team bedeutet das, dass sie ganz viel aushalten müssen: Beschimpfungen, Aggressionen, zerstörte Zimmer, Kriminalität. Die Kinder lernen dann, dass ihr Verhalten zwar Konsequenzen hat, dass sie aber trotzdem gemocht werden und bleiben dürfen. Etwa vier Jahre dauert es, bis die Kinder dann anfangen, das auch zu glauben, hat Tamara Reinicke beobachtet. Sie ist froh, sich auf ein seit vielen Jahren eingespieltes und erfahrenes Team verlassen zu können.

Leben mit den Kindern

Und auch auf ihren Mann Axel Schuhmann. Denn für Reinicke ist das Haus Josia nicht nur ihre Arbeit, sie lebt dort mit ihrem Mann, der im Haus eine Anwaltskanzlei betreibt und selbst kein Erziehungsprofi ist, rund um die Uhr mit den Kindern zusammen. Ungestörtes Privatleben gibt es für das Paar nur abends, wenn die Kinder im Bett sind und an wenigen freien Abenden, Wochenende oder im Urlaub. Spontan ins Kino oder zu zweit spazierengehen ist da nicht drin, Alle Aktivitäten müssen so vorgeplant werden, dass jemand vom Betreuungsteam im Haus ist.

Außer Reinicke gehören noch drei weitere Sozialpädagogen und zwei Erzieher zu diesem Team, sodass während der Kernzeiten praktisch eine Eins-zu-Eins-Betreuung möglich ist. Und die ist auch nötig. „Unsere Kinder sind gar nicht gruppenfähig“, sagt Tamara Reinicke. Weitere Texte

Von Christine Zacharias

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