Wochenendporträt: Dr. Gedeon Diab wurde Kinderarzt, um es anders zu machen

Bis die Kinder singen

Begegnet Kindern auf Augenhöhe: Kinderarzt Dr. Gedeon Diab. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. Dr. Gedeon Diab klopft sich nicht gern auf die Schulter. Tun es andere, sagt er „naja“ und zieht die Augenbrauen hoch. 30 Jahre hat der Kinderarzt im Hersfelder Klinikum gearbeitet. Fast 15 Jahre war er Chefarzt der Kinderklinik. Sein Nachfolger, Dr. Ghiath Shamdeen, sitzt schon im Chefsessel – und Diab wird bald abtreten. Er hat viel geleistet, sagt der Verwaltungsdirektor. „Naja“, sagt Dr. Diab, er habe seine Arbeit gemacht, nicht weniger – und auch nicht mehr. Wenn der Kinderarzt Diab einem Patienten begegnet, geht er in die Hocke. Hallo, sagt er, nicht mit verstellter Stimme, sondern so, als spreche er mit einem Erwachsenen, wie alt bist du, gehst du gerne zur Schule, kannst du schon rechnen, und weißt du eigentlich, was fünf Birnen und drei Äpfel zusammen sind? Erst dann fragt Diab, wo es weh tut. „Kinder schenken einem Vertrauen – oder eben nicht“, sagt der Ehemann, Vater und Großvater.

Es anders machen

Ihm, sagt Diab, vertrauen die Kinder. Dabei war es nicht mehr als ein Zufall, der ihn zum Kinderarzt machte. „Zunächst kein glücklicher“, sagt er. An jenem Tag vor Jahrzehnten saß er im Hörsaal – in seinem Heimatland, dem Libanon. Welcher Vorlesung er lauschte, als es passierte, weiß er nicht mehr – vielleicht Mathe, vielleicht Physik. Dann bekam sein Sitznachbar und Cousin Atemnot. Sie brachten ihn ins Krankenhaus, „weil wir dachten, er erstickt.“ Doch an der Klinik-Pforte hielt man sie auf. „Sie sagten uns: Kein Bargeld, keine Behandlung“. Die Geschichte endete glücklich, doch nicht ohne Folgen für Diab: „Ich habe mir geschworen, dass ich Arzt werde, um es anders zu machen.“

Er machte es anders. Er bekam ein Stipendium, studierte Medizin in Deutschland, kam 1976 ins Hersfelder Klinikum. Dort gründete er einen Förderverein, der heute MediKids heißt. „Weil man vom Arztbudget keine Spielsachen kaufen kann“, sagt Diab. Der Förderverein richtet Spielzimmer in der Klinik ein, streicht die Krankenhauswände in frohen Farben und ermöglicht Kriegskindern den Aufenthalt im Hersfelder Krankenhaus.

Für seine Patienten wollte Diab da sein. Doch mehrmals zog es ihn fort, zurück in den Südlibanon. „Jedes Mal, als ich dachte, der Krieg sei vorbei, wollte ich gehen“, sagt Gedeon Diab. Ein paar Mal ist er gegangen: Einmal kam er mit dem Auto bis Wien, einmal bis in den Libanon. Und immer wieder kehrte er um, weil er sah oder im Radio hörte, dass der Krieg wieder tobte. Als er heimkehrte, lag die Kündigung noch in der Schreibtischschublade seines damaligen Chefs: „Da habe ich weitergemacht.“

„Die Kinder kommen montags schwerkrank zu uns – und donnerstags verlassen sie die Klinik singend“, sagt Diab. Stolz, nein, das ist er nicht. „Stolz bin ich, wenn ich die Tomaten ernte, die ich gepflanzt habe“, scherzt er. Glücklich, ja, das ist das bessere Wort.

Von Pia Schleichert

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