Erstes Bildungsforum Hersfeld-Rotenburg diskutierte über Kinderarmut

Kinder gehen hungrig zur Schule

Dr. Wolfgang Gern

Bad Hersfeld. Jedes fünfte Kind wächst in Deutschland in Armut auf. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind es 2140 Kinder unter 15 Jahren, die mit ihren Familien von Hartz IV leben. „Kinderarmut bei uns – Lösungsversuche in Zeiten der Krise“ war deshalb Thema des Ersten Bildungsforums Hersfeld-Rotenburg, zu dem die SPD-Arbeitsgemeinschaft Bildung in die Bad Hersfelder Stadthalle eingeladen hatte. Zu Gast war unter anderem Dr. Wolfgang Gern, der Sprecher der Nationalen Armutskommission Deutschland.

Leben in Armut bedeutet für Kinder, morgens hungrig zur Schule zu gehen. Es bedeutet Ausgrenzung, weil die Eltern sich die Mitgliedschaft im Sportverein, den Ausflug mit der Klasse oder das Geburtstagsgeschenk für die beste Freundin nicht leisten können. Wolfgang Gern kennt, ebenso wie Silvia Hemel von der Bad Hersfelder Tafel und Diakoniepfarrerin Jutta Preiß-Völker jede Menge Beispiele für die Schwierigkeiten von Kindern, die in Armut aufwachsen. Deshalb waren sich auch die Teilnehmer des Forums einig, dass Kinderarmut überwunden werden muss. „Wir müssen in Kinder investieren durch Betreuung, Bildung und die Erhöhung des Kinderregelsatzes“, machte Gern deutlich. Dieser Satz müsse mindestens 400 Euro pro Kind und Monat betragen, notwendig sei eigentlich eine Summe, die deutlich über 400 Euro liege.

Die Verantwortung für Kinderarmut sieht Gern nicht nur in der oft beschworenen Wirtschaftskrise, sondern in den politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre: „Hartz IV produziert Armut“, machte er deutlich und kritisierte sowohl das starke Anwachsen des Niedriglohnsektors als auch das deutsche Steuersystem mit seit Jahrzehnten sinkenden Steuerraten. Der Spitzensteuersatz sollte seiner Überzeugung nach bei über 50 Prozent liegen.

Parallele Lösungswege

Für die Bekämpfung von Kinderarmut, so machte Gern deutlich, gebe es nicht nur eine Lösung, sondern parallele Lösungswege. Dazu gehört seiner Überzeugung nach auch, dass Kindergartenplätze für die Eltern kostenlos sind, dass es Schulsozialarbeit bereits an den Grundschulen gibt und dass Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützt werden.

Dass es damit gute Erfahrungen gibt, bestätigte die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz. Sie machte aber auch deutlich, dass dem Landkreis und den Gemeinden praktisch alle Handlungsmöglichkeiten genommen seien, weil zum Beispiel Schulsozialarbeit oder ein freies Mittagessen in den Schulen zu den freiwilligen Leistungen zählten und defizitäre Haushalte nicht genehmigt würden, wenn sie solche Leistungen enthielten. „Da droht ganz viel Arbeit wegzubrechen. Wir kämpfen darum, den Status quo zu erhalten“, sagte sie.

Schwierig sei die Situation auch bei den Tafeln. „Wir stoßen an unsere Grenzen beim Einsatz von Ehrenamtlichen“, erklärte Silvia Hemel. Weitere Helfer würden dringend benötigt, weil der Andrang auf die Tafeln immer größer werde.

Für eine andere politische Kultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stelle, machte sich Jugendamtsleiter Klaus-Dieter Raub stark.

Von Christine Zacharias

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