Eröffnungskonzert der Festspielsaison mit Hexenlied und Krönungsmesse

Kernige Durchschlagskraft

A cappella, vierstimmig: Helgo Hahn (unten rechts dirigiert seine 21 Chorsängerinnenund -sänger. Fotoas: roda

Bad Hersfeld. Unter den markanten Konzertveranstaltern in der Festspielstadt fällt der Chorverein zunehmend durch originelle Programme auf. Die Konkurrenz ist ja groß, die Ansprüche sind hoch, zudem gilt: Die Verwurzelung in der umfassenden bürgerlichen Singbewegung des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Nicht zuletzt zum Auskundschaften von Nischen, zur Demonstration von Festspielzugehörigkeit und auch ein wenig Lokalpatriotismus.

Wie am Sonntag im Eröffnungskonzert der Festspielsaison 2010 mit dem knapp halbstündigen „Hexenlied“ op. 15 - als ausgreifende Ballade gedichtet von Ernst von Wildenbruch (1845-1909), komponiert von Max von Schillings (1868-1933). Gar kein Chorwerk, sondern ein Melodram (= gesprochenes Wort zu begleitender Musik, wie es vertraut ist etwa aus Beethovens Bühnenmusik zu Goethes „Egmont“ oder aus der Wolfsschluchtszene in Webers „Freischütz“-Oper).

Dramatische Lebensbeichte

Wildenbruch siedelte sein „Hexenlied“ als dramatische Lebensbeichte eines sterbenden Mönches im mittelalterlichen Kloster Hersfeld an. So etwas mochte man früher pathosgetränkt auf der (Konzert-)Bühne und mag man heute ebenso emotionsgeladen im Kino und Fernsehen, wo das Melodram beinahe gattungsbeherrschend geworden ist.

Hier aber, in der vollbesetzten Stadthalle (mit viel politischer Prominenz), muss der durch Theater und TV bekannte Schauspieler Jochen Striebeck als Sprecher sich mikrofon-verstärkt mit einem wagnerisch auftrumpfenden Orchester messen. Die Frankfurter Sinfoniker sind gleichwohl sensibler Ausleuchtung und solistischer Feinzeichnung (Streicher, tiefe Oboe und Klarinette) fähig. Striebeck selbst, der besonnene Rezitator, wölbt die paargereimte „Hexenlied“-Ballade unter einen weiten, niemals überspannten Bogen, hält deklamierend eine unangestrengte Mitte zwischen Identifikation und Distanzierung, gibt dennoch den Kulminationsphasen (Sündenbekenntnis, Hexenverbrennung) eine kernige Durchschlagskraft.

Anderen Lokalbezug hatten nach der Konzertpause drei vierstimmige A-cappella-Gesänge („Christ ist erstanden“, „Dies irae, dies illa“, „Im Wolkenschoß gebettet“) aus Goethes „Faust“, komponiert von Hans Petsch für Festspielaufführungen der 1950er-Jahre, abgerundet durch Anton Bruckners lateinische Motette „Locus iste“, die Aufführungen des „Salzburger Großen Welttheaters“ ebenfalls im ersten Festspieljahrzehnt bereicherte. Helgo Hahn hatte hier für seine 21 Chorsänger ein gleichermaßen hellhöriges Ohr und eine sorgsame Hand wie zuvor für den großen Orchesterapparat.

Voller Chor zum Schluss

Zum Schluss der volle Chor, gut 60 Sänger, in Mozarts „Krönungsmesse“ C-Dur KV 317, entstanden 1779 in der unliebsamen Spätzeit beim Salzburger Fürsterzbischof und wohl so genannt, weil Mozart sie 1790 bei Krönungen Leopolds II. in Prag und Frankfurt aufführte. Noch keine der Großtaten des Genies, aber eine gute Gelegenheit für den Chorverein zur Standortbestimmung und Selbstvergewisserung, auch im Hinblick auf Mozarts unsterbliches Requiem, das man sich fürs Herbstkonzert vornimmt.

In die C-Dur-Festlichkeit der Messe stimmten die Sänger mit anspringender Frische und harmonischer Geschlossenheit ein. Mozart gewissermaßen umarmen, das vollführten auch die vier Solisten Katja Bördner (Sopran), Kaja Plessing (Alt), Thomas Ströckens (Tenor) und Michael Junge (Bass), unter denen der Sopranistin im sanft empfundenen „Agnus-Dei-Solo eine leichte Vorrangstellung zukam.

Helgo Hahn, der zwischen Gloria- und Credo-Satz plausibel, doch akut die Musiker ein wenig irritierend die C-Dur-Kirchensonate KV 263 eingeschoben hatte, war auch in Mozarts Messe ein vorausdenkender, anregender und mitfühlender Dirigent. Applaus und Blumen allenthalben.

Von Siegfried Weyh

Kommentare