Schöffengerichts-Prozess wegen sexueller Nötigung mit unbefriedigendem Ausgang

Keine Gewalt – Freispruch

Bad Hersfeld. Auch für ihn sei der Ausgang des Verfahrens unbefriedigend, gestand Richter Michael Krusche, Vorsitzender des Schöffengerichts in Bad Hersfeld, nach der Urteilsverkündung. Zwar hatte man einen 58-jährigen Kraftfahrer aus dem östlichen Kreisgebiet aus guten Gründen vom Verbrechensvorwurf der versuchten sexuellen Nötigung freisprechen müssen, doch dass der Angeklagte nicht einmal wegen Beleidigung auf sexueller Basis belangt werden konnte, das hinterließ ein ungutes Gefühl.

Passiert war Folgendes: Am Nachmittag des 6. Juli 2011 grillten der Kraftfahrer und eine damals 51 Jahre alte langjährige Bekannte am Baggersee bei Mecklar. Beide tranken Bier, sie eher mehr, er eher weniger. Irgendwann unterhielt man sich auch über Sex, dann kniete er über ihr, hatte seine Boxershorts heruntergezogen und befriedigte sich selbst.

Aus ihrer Sicht geschah dies ohne Anlass, völlig überraschend und war „ein Sekundenspiel“. Der Angeklagte hingegen erzählte von früheren Fummeleien, einer Art Vorspiel am Baggersee und gegenseitigem Einverständnis. Die Bekannte habe sogar extra ihre Brüste entblößt.

Niemals vorher Sex

„Niemals“ habe es zwischen ihnen sexuelle Kontakte gegeben, widersprach die als Nebenklägerin auftretende Zeugin und sagte zur Behauptung des Kraftfahrers, sie habe vor ihm einmal einen Striptease getanzt: „Das hat er sich vielleicht gewünscht“. Auf der Fahrt zur Wohnung der Hersfelderin sei kein weiteres Wort gefallen, berichteten beide nun wieder übereinstimmend. Die 51-Jährige vertraute sich zunächst einer Freundin an, dann informierte sie die Polizei. Die ließ beide Parteien ins Alcotest-Röhrchen pusten, was bei ihr einen Promillewert von 1,63 ergab, bei ihm sechs Stunden nach der Tat 0,0 Promille.

Der Polizei erzählte die Frau zunächst eine größtenteils erfundene Geschichte, in der auch noch ein zweiter Mann auftrat. Diese Aussage korrigierte sie am nächsten Tag.

Erst eine Lügen-Story

Die Lügen-Story habe sie aufgetischt, weil sie befürchtete, ihr würde niemand glauben, sagte die Zeugin vor Gericht und verwies auf zwei angebliche Vergewaltigungen aus Kindheit und Jugend, in denen jedoch nie ermittelt worden war. Ein vorsichtshalber eingeholtes Glaubwürdigkeitsgutachten stellte die Angaben der Frau zum aktuellen Fall allerdings nicht grundsätzlich in Zweifel.

Für den Tatbestand der sexuellen Nötigung fehlte es dem Geschehen am Baggersee jedoch an der ausgeübten Gewalt. Auch habe sich die 51-Jährige nicht in einer schutz- oder hilflosen Lage befunden, stellte Staatsanwalt Christoph Wirth fest. Der Vorfall sei für die Frau jedoch „sicherlich unangenehm“ gewesen, attestierte Wirth. Eine Ahndung wegen sexueller Beleidigung war jedoch aus formalen Gründen nicht mehr möglich, denn dafür hätten binnen drei Monaten nach der Tat ein Strafantrag gestellt werden müssen. Auch eine ersatzweise verwertbare Anzeige bei der Polizei hatte es nicht gegeben, die Tat war von Amts wegen verfolgt worden.

So sahen es auch Verteidiger Volker Ried und das Gericht. Nebenklage-Vertreterin Margit Guy sprach allerdings von einem „massiven Übergriff“ bei „schamlosen Ausnutzen der Situation“ und hielt eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen für angebracht.

Von Karl Schönholtz

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