250 Dinge, die wir an der Region mögen (76): Die Turmbläser der Bad Hersfelder Stadtkirche

Kein Sonntag ohne Choral

Jeden Sonntag erklimmen sie die 226 Stufen des Turmes der Stadtkirche, um von dort oben – bei Wind und Wetter – einen Choral zum Lob Gottes und zur Freude der Menschen in alle vier Himmelsrichtungen erklingen zu lassen: Die Bad Hersfelder Turmbläser. Foto: Wilfried Apel

Bad Hersfeld. Seit 112 Jahren sind sie jeden Sonntagmorgen zu vernehmen, die Bläser des Christlichen Vereins junger Menschen (CVJM) – seit 2008 gemeinsam mit den Bläserfreunden von der Johanneskirche. Hoch oben auf dem Stadtkirchenturm lassen sie zur Freude vieler Menschen Choräle erklingen.

Kranke und ältere Bürger der Stadt öffnen die Fenster, lauschen der Botschaft, schöpfen Hoffnung und Zuversicht für den Alltag: Jesu, meine Freude – Geh aus mein Herz und suche Freud – Allein Gott in der Höh sei Ehr – Ein feste Burg ist unser Gott – all das sind Lieder, die die Bläser spielen. Lieder, die den Menschen Trost und Halt geben, Freude und Mut machen – nicht nur, wenn sie krank und alt sind.

Seit 1854 sind die Leiter der Turmbläser bekannt. Waren es zunächst die Musikanten der Stadtmusik, die sich der Aufgabe widmeten, nahmen sich im Anschluss daran die Militärmusiker des in der Kriegsschule stationierten Regiments Nummer 32 zwei Jahre lang des sonntäglichen Dienstes an. Dann kümmerte sich zwölf Jahre lang die von Conrad Otter geleitete Stadtkapelle um das sonntägliche Turmblasen. Wegen finanzieller Forderungen an die Stadt, denen die Stadt nicht nachkommen wollte, drohte die Tradition „einzuschlafen“.

Um dem zu begegnen, gingen die Verantwortlichen der Stadt auf den Posaunenchor des seit 1883 bestehenden Evangelischen Männer- und Jünglingsvereins zu und baten darum, das Turmblasen für ein Vierteljahr zur Probe zu übernehmen. Das geschah am ersten Mai-Sonntag des Jahres 1901. Der Choral, der gespielt wurde, war: „O dass ich tausend Zungen hätte“.

1,3 Millionen Stufen

Die Probezeit ist längst abgelaufen. Ein Sonntag ohne Gruß vom Stadtkirchturm? Undenkbar. Und so gehen Sonntag für Sonntag die Mitglieder des Posaunenchors, bei Wind und Wetter, auf den Turm. Seit 112 Jahren, an 52 Sonntagen, 226 Stufen hinauf – auch am Heiligen Abend und an Silvester. Da kommen dann 1,3 Millionen Stufen zusammen, die ein einziger Bläser – natürlich nur theoretisch – hätte überwinden müssen in all den Jahren. Und die gleiche Zahl wieder für den Rückweg.

Ein treuer Bläser, Georg Franke, ist seit über 65 Jahren dabei. Er ist in dieser Zeit 763 880 Stufen nach oben geklettert, um Sonntag für Sonntag die frohe Botschaft zu verkündigen.

Und so gibt es kaum einen Sonntag, an dem nicht vom Turm Musik ertönt. Das ist nur dann nicht der Fall, wenn der Posaunenchor in einer Gemeinde außerhalb der Stadt auftritt, oder wenn es so kalt ist (unter minus sechs Grad Celsius), dass die Ventile der Instrumente einfrieren würden.

Eine besondere Leistung erbrachten die Chormitglieder während der Kriegszeit, als sie an manchen Sonntagen mit gerade einmal drei Bläsern ihren Dienst erfüllten.

„Zu Gottes Lob und Ehr“ war für sie Motivation und Auftrag, und für ihre Nachfolger ist es bis heute die Richtschnur geblieben.

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