Die Hersfeld-Preisträger Helen Schneider und Bastian Semm im Interview über ihre Rollen und die Zukunft

Hersfeld-Preisträger im Interview: „Kaum irgendwo so lebendig“

Im Gespräch auf der Bühne der Hersfelder Stiftsruine: Helen Schneider ...

Bad Hersfeld. Ein gestandener Star und ein junges Darstellertalent sind die Preisträger der Festspiele in Bad Hersfeld: Helen Schneider (58) und Bastian Semm (31) sind für ihre Verkörperung der alternden Stummfilmdiva Norma Desmond im Musical „Sunset Boulevard“ und für die Titelrolle in „Hamlet“ ausgezeichnet worden.

Beide zeigten sich persönlich bewegt und dankbar für die Auszeichnung.

Frau Schneider, die Norma Desmond begleitet Sie schon seit Jahren. Wie verändert sich Ihr Blick darauf?

Helen Schneider: Ich bin jetzt 15 Jahre älter als beim ersten Mal. Das verändert. Auch bei „Evita“ war das so. Man kommt dann wieder mit Distanz zu einer Rolle zurück. Dadurch beginnt die Arbeit auf einem anderen Niveau.

Es geht im Musical ums Älterwerden und verblassenden Ruhm. Schotten Sie sich innerlich ein Stück ab, damit die Arbeit nicht zu persönlich wird?

Schneider: Vor 15 Jahren war das ein größeres Problem, da hatte ich noch keine Erfahrungen, so tief in eine Rolle hinabzusteigen. Das hat mich in Probleme gebracht, aber auch gelehrt, damit umzugehen. Jetzt beherrsche ich die Kunst abzuschalten besser, ich kann in die Rolle hineinsteigen und einfach schwimmen. Bewusst gegen die Strömung. Das ist eine schwierige Leistung.

Herr Semm, auch Ihr Hamlet ist eine schwierige Figur. Er hat womöglich eine manisch-depressive Störung. Wie fühlt man sich in so etwas ein?

Bastian Semm: Ich möchte mich in alle meine Figuren hineinbegeben. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen mir und meiner Figur. Da fängt die Entdeckungsreise an.

Wie gehen Sie diese Störung darstellerisch an?

Semm: Hamlet hat vielleicht einen manisch-depressiven Grundcharakter, darauf setzt er dann aber diese gespielte Verrücktheit. Doch plötzlich gibt es Momente, wo ihm alles verschwimmt. Klinische Befunde darzustellen, interessiert mich nicht, aber dieses Grenzgängertum wird interessant.

Was ist für Sie die schwierigste Stelle im Stück?

Semm: Man denkt ja, es ist „Sein oder Nichtsein“. Davor haben alle viel Angst, auch das Publikum. Das stimmt aber nicht. Das ist einfach ein wunderbarer Gedankengang, den man laufen lassen muss. Es ist wirklich schön, mit seiner Figur von Moment zu Moment zu reisen. Wenn ich immer schon wüsste, was kommt, wäre ich nicht frei. Schwieriger ist das Fechten am Schluss. Da hat man schon so viel hinter sich und dann kommt das.

Was ist für Sie am schwierigsten, Frau Schneider?

Schneider: Auf der Bühne die große Treppe herunterzusteigen, ist nicht meine liebste Erfahrung. Aber ich habe oben, wo man mich nicht sieht, zwei liebe Helferinnen, die mich umkleiden.

Bleiben Sie da oben gefühlsmäßig in Ihrer Rolle drin?

Schneider: Ja, ich bleibe in der Bahn.

Herr Semm, diese „Hamlet“-Inszenierung richtet sich bewusst an ein junges Publikum. Was wollen Sie der jungen Generation sagen?

Semm: Wir haben alle Möglichkeiten im Leben - aber wir wissen nicht, wo wir zugreifen sollen. Das ist genau Hamlet. Wir ziehen uns auf uns selbst zurück. Darin liegt ein Risiko für die Gesellschaft. Und das muss das Theater aufgreifen.

Wie geht es für Sie weiter?

Schneider: Ich besuche meinen Vater in den USA, dann spiele ich in Hamburg in einem Johnny-Cash-Projekt mit Gunter Gabriel die June.

Semm: Ich lerne in Nashville einen Songwriter Johnny Cashs kennen und ich darf sogar in Cashs ehemaligem Studio arbeiten. Und ich lerne Johnnys und Junes Sohn kennen. Das fasse ich noch gar nicht. In Deutschland will ich in Richtung Fernsehen und Film. Aber ich werde immer auf der Bühne stehen. Weil man kaum irgendwo so lebendig ist.

Von Bettina Fraschke

Kommentare