250 Dinge (147): Bronzefiguren in Rotenburg

Katharina hisste die weiße Fahne

Diese Bronzefigur im Steinweg findet man auf der Umrandung des Neubrunnens. Foto: Meyer

Rotenburg. Als sich in den 90er Jahren die beiden bronzenen Jungen auf den steinernen Sockel an der alten Rotenburger Fuldabrücke setzten, da waren sie nicht bei allen willkommen. Zu unmodern fand mancher die Skulpturen, und ob sie zur Stadt passten, darüber herrschte Uneinigkeit. Mittlerweile gehören die Figuren, die sich inzwischen stark vermehrt haben, fest zum Stadtbild wie die Kirchen und das Fachwerk.

Am Neustadtbrunnen genießt eine ganze Bronze-Familie den Tag. Die Kinder lesen, spielen Ball, ein Hund ist auch dabei. Nicht weit entfernt blickt ein Schleichwächter, also einer, der einst nachts für Ordnung sorgen sollte, verstohlen um die Ecke. An die Stadtmauer lehnt sich eine Ziege, die in den Ritzen etwas Grünes gefunden hat. Der Hütejunge versucht, sie mit der Kette wegzuziehen.

Die Figuren erzählen von früheren Zeiten, als an der Fulda Ziegen grasten, als die Kinder im Sommer in der Fulda baden gingen. Bestimmte Menschen verkörpern sie nicht. Nur die Diakonisse, die mit Dackel auf die Jakobikirche zuspaziert, das Gebetsbuch in der Hand – das könnte Gemeindeschwester Katharina sein, erklärt der Rotenburg-Kenner Albert Deist. Katharina war mutig und hisste auf dem Kirchturm eine weiße Fahne, obwohl dies bei Todesstrafe verboten war. Vielleicht bewahrte sie die Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges so vor der Zerstörung. Katharina, die war um ihre Mitmenschen bemüht und besser als mancher Doktor, erinnert sich Albert Deist.

Finanziert werden die Skulpturen meist durch Spenden, und hergestellt werden sie vom Remsfelder Professor Ewald Rumpf. Er gestaltet die Figuren zunächst aus Ton. Nach einer aufwändigen Prozedur, bei der Abzüge aus Gips, Gummi und Beton gemacht werden, wird die Figur in Bronze gegossen.

Eines ist sicher: Da ist kaum ein Rotenburg-Tourist, der nicht für ein Erinnerungsfoto einer der drei tratschenden Frauen auf dem Marktplatz freundschaftlich den Arm um die Schulter gelegt hat.

Von Achim Meyer

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