Qualmender Reisebus wurde zu spät evakuiert – Geldstrafen für zwei Fahrer

An der Katastrophe vorbei

Bad Hersfeld. Traumatische Erinnerungen wurden wieder gegenwärtig, als gestern im Amtsgericht Bad Hersfeld der Prozess um die Verantwortlichkeit für ein schweres Bus-Unglück auf der Autobahn bei Obersuhl stattfand.

Denn am 26. Mai 2011 waren 26 junge Menschen aus dem Raum Gotha nur knapp mit dem Leben davongekommen, als ihr Bus auf der Heimfahrt von einer Spanien-Fahrt wegen eines technischen Defekts völlig ausbrannte.

Bei der chaotischen Evakuierung des qualmenden Doppeldeckers sprangen neun Schülerinnen und Schüler aus der oberen Etage auf die Fahrbahn und verletzten sich dabei zum Teil ganz erheblich.

Schnittwunden und Prellungen waren dabei die Regel, dazu kamen bei einigen Jugendlichen noch Brüche an Füßen und Lendenwirbeln sowie schwere Gehirnerschütterungen.

Auf der Anklagebank vor Strafrichterin Silvia Reidt saßen gestern die beiden Busfahrer. Der eine, 63 Jahre alt, war ein alter Hase im Geschäft, der andere (58), der zum Unfallzeitpunkt am Steuer saß, hatte erst sechs Wochen zuvor den Beruf gewechselt und befand sich noch in der Probezeit.

Beiden Männern wurde von der Staatsanwaltschaft fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen, weil sie aus Sicht der Anklage viel zu spät auf die Gefahrensituation reagiert und angehalten hatten.

Tatsächlich hatten die Schüler im Obergeschoss schon kurz nach dem Passieren des markanten Amazon-Gebäudes bei Bad Hersfeld zunächst einen beißenden Geruch aus der Lüftungsanlage und dann auch Nebel im Fahrgastraum wahrgenommen.

Erst nach der zweiten Aufforderung hatte sich der ältere Fahrer bequemt, nach dem Rechten zu schauen, bemerkte jedoch angeblich nichts und beließ es dabei, eine Dachluke zu öffnen. Der Wunsch der Schüler, sicherheitshalber zu stoppen und nach der Ursache von Geruch und Rauch zu suchen, wurde abgebügelt. „Wir müssen weiter, wir schaffen das schon“, wurde einer Zeugin beschieden.

Doch spätestens hinter Friedewald wurde die Lage prekär, der Qualm allmählich dunkler. Doch auch dann ließen die beiden Fahrer noch mehrere Haltebuchten und die Ausfahrt Hönebach rechts liegen. Erst kurz vor Obersuhl griff der 63-Jährige zum Mikrofon und kündigte den Nothalt sowie die Evakuierung an.

Beide Angeklagten versicherten, ihr Bestes getan zu haben, und hielten sich für unschuldig. Richterin Reidt sah jedoch keinen Anlass, an den Aussagen der Fahrgäste zu zweifeln und hielt den Fahrern vor, sie hätten spätestens nach dem zweiten Hinweis „schnellstmöglich anhalten müssen“. Verurteilt wurden sie wie von Oberamtsanwalt Berthold Hartung beantragt zu Geldstrafen, 2450 Euro für den Fahrer, 4200 Euro für den älteren Kollegen. Die Verteidigung hatte für Freispruch plädiert.

Von Karl Schönholtz

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