Bad Hersfelder Festspiele: Umjubelte Premiere für Gil Mehmerts „Cabaret“

Karussellfahrt ins Unglück

Berlin tanzt: Bei Musik und Gesang, bei Glanz und Glitter herrscht Hochstimmung im Kit Kat Club – besonders wenn Sally Bowles (Bettina Mönch) auftritt. Fotos:  Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. „Politik? Was hat das mit uns zu tun?“, fragt Sally Bowles, der flatterhafte Star im Berliner Kit Kat-Club. „Alles“, lautet die Antwort, die Regisseur Gil Mehmert mit seiner Deutung des Musicals „Cabaret“ bei den Bad Hersfelder Festspielen gibt.

Die ebenso mitreißende wie bewegende Inszenierung, die am Freitagabend in der Stiftsruine ihre umjubelte Premiere erlebte, zeigt Menschen im Berlin der frühen 30er Jahre am Scheideweg. Ihnen werden Entscheidungen abverlangt, die alle mit der bevorstehenden Machtergreifung der Nationalsozialisten in Zusammenhang stehen. Wer fügt sich, wer läuft gar mit, wer entzieht sich, wer schaut weg und wer begehrt auf – all das gibt der Stoff her, und Mehmert formt die Figuren dazu.

Grandiose Neuentdeckung

Bettina Mönch – für die Hersfelder eine grandiose Neuentdeckung mit starker Stimme und vielschichtigem Spiel – ist eine Sally Bowles, die alles ausblendet, was nicht zwischen zwei Gesangsnummern im Club passt. Selbst die Liebe zum amerikanischen Deutschland-Besucher Cliff Bradshaw (Rasmus Borkowski) und ihre Schwangerschaft sind am Ende nicht stark genug, Sally von der Welle zu holen, auf der sie schwimmt.

Rasmus Borkowskis Rolle ist die eines Mannes, der aus seinen Fehlern und Erfahrungen lernt – und der – überzeugend dargestellt – dann auch die Konsequenzen zieht.

Keine Chance

Differenziert und berührend im Spiel auch das Paar des jüdischen Obsthändlers Schultz (Helmut Baumann) und der Pensionswirtin Fräulein Schneider (Judy Winter), das schnell zu Publikumslieblingen avanciert. Dass ihre sich zart entwickelnde Liebe in düsteren Zeiten keine Chance hat, das geht unter die Haut.

Gil Mehmert spielt also virtuos mit der politischen Dimension der Vorlage. Nicht nur der sich erst allmählich als Nazi offenbarende Ernst Ludwig (zunächst sympathisch, dann abschreckend: Björn Bonn), der Verrat der Prostituierten Fräulein Kost (mit Berliner Schnauze: Jessica Kessler), das deutschtümelnde Lied „Der morgige Tag“ und ein paar Hakenkreuzflaggen machen den Wandel deutlich. Vielmehr tanzen beim Song „Two Ladies“ neben dem mit Hitler-Bärtchen verzierten Conférencier plötzlich auch Stalin und Mussolini als lebendige Karikaturen mit.

Überhaupt der Conférencier: Helen Schneider gibt (und singt) ihn als zerbrechliche, geradezu surreale Figur mit chaplinesken Zügen. Ausgestattet mit überdimensionalen Micky-Maus-Händen dirigiert und kommentiert das Geschehen, zeigt sich hier mit Totenschädel und ist dort die bluttriefende Engelmacherin.

Geniales Bühnenbild

Im genialen Bühnenbild von Heike Meixner wird das Geschehen zur Karussellfahrt ins Unglück verdichtet. Statt Club, Pension und Obstladen nebeneinander aufzubauen, steht ein drehbarer Metallturm auf der Bühne, in den all das integriert wurde und der schnelle Szenenwechsel ermöglicht.

Vorhang auf für "Cabaret": Hersfelder Festspiele zeigen Musical-Klassiker

Melissa Kings Choreographien bestechen einmal mehr durch Schwung, Präzision und fantasievolle Bilder. Die Fülle der liebevoll eingebauten Details ist auf einen Blick kaum zu erfassen.

Von der Zeit entsprechend schlicht bis überbordend grell beim Club-Ensemble reicht auch die Palette der schönen Kostüm-Ideen von Falk Bauer.

Das von Christoph Wohlleben geführte Orchester stellt den Sängern wie gewohnt eine solide musikalische Basis zur Verfügung. Allerdings hätte man sich hier gelegentlich etwas mehr Schwung und Tempo gewünscht. Bei „Maybe this time“ entstand gar der Eindruck, als hätte Bettina Mönchs Gesang die Band mitgerissen und nicht umgekehrt.

Ein weiteres Glanzlicht

Beim Schlussapplaus reißt es das Publikum sofort von den Sitzen. Minutenlang gibt es stehende Ovationen, denn alle Premierenbesucher sind sich bewusst, dass Cabaret 2015 eine weiteres Glanzlicht in der Reihe herausragender Musical-Produktionen in Bad Hersfeld ist.

Von Karl Schönholtz

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