Theater des Ostens präsentierte spannende Bühnenfassung von „Moby Dick“ in Stadthalle

Der Kampf mit dem Wal

Da bläst er! Fasziniert beobachtet die Mannschaft der „Pequot“ (von links Claus Stahnke als Schmied Perth, Matti Wien als Starbuck, Oliver Trautwein als Kapitän Ahab, Derek Nowak als Pip, Michael Ojake als Queequeg, Felix Isenbügel als Ismael und Hardy Halama als Stubb, im Hintergrund Eckhart Strehle als Schiffszimmermann Archy) das Auftauchen des weißen Wals Moby Dick. Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Kann das funktionieren? Einer der größten Romane der amerikanischen Literatur, der noch dazu weitgehend auf einem Schiff spielt und als eine der Hauptpersonen einen Wal, hat als Bühnenfassung in der Stadthalle? Es kann. Das bewies das Theater des Ostens aus Berlin, das am Samstag mit seiner Fassung von Hermann Melvilles „Moby Dick“ in Bad Hersfeld gastierte.

Die Zuschauer in der bestenfalls halbvollen Stadthalle erlebten einen spannenden und dynamischen Theaterabend, den sie mit kräftigem Beifall belohnten.

„Moby Dick“ ist eine Abenteuergeschichte. Sie erzählt von dem jungen Ismael, der – ohne Geld und ohne Perspektive – nur eine Alternative zum Selbstmord sieht: Anheuern auf einem Walfänger. Ausgesucht hat er sich die „Pequot“, das Schiff von Kapitän Ahab. Ahab hat nur ein Bein, das andere hat er im Kampf mit einem weißen Pottwal verloren, der von den Seeleuten nur Moby Dick genannt wird. Die Rache an diesem Wal ist zu seinem Lebensinhalt geworden, dieses Ziel verfolgt er mit an Wahnsinn grenzendem Fanatismus.

Doch Hass ist ein schlechter Ratgeber. Als die Mannschaft der „Pequot“ den Wal endlich aufspürt und jagt, ist das nicht nur das Ende Ahabs, der sich in einem Tau verfängt und von Moby Dick in die Tiefe gerissen wird. Der verletzte Wal greift auch das Schiff an und zerstört es. Ismael ist der einzige Überlebende.

Regisseurin Vera Oelschlegel hat den großen Roman klug auf die wesentlichen Konflikte konzentriert. Sie zeigt, wie ein Einzelner mit seinem Wahn eine ganze Gruppe fanatisieren kann. In den Auseinandersetzungen zwischen Kapitän Ahab (Oliver Trautwein) und Starbuck, seinem Ersten Maat (Matti Wien) spricht immer wieder die Stimme der Vernunft gegen die des Fanatismus. Starbuck überlegt zudem, ob es nicht besser wäre, den Tyrannen zu töten, anstatt die ganze Mannschaft dem Untergang preiszugeben. All das sind Fragen, die nach den Erfahrungen von Diktatur durch Nationalsozialisten und Kommunisten und nach Hitlers totalem Krieg die Menschen immer wieder bewegen und „Moby Dick“ sowohl als Roman als auch als Theaterstück weit über die bloße Abenteuergeschichte herausheben.

Dazu glänzte das Theater des Ostens mit einem starken Ensemble, aus dem Oliver Trautwein als Ahab, Matti Wien als Starbuck, Felix Isenbügel als Ismael, Michael Ojake als treuer und aufrichtiger Kannibale Queequeg und Derek Nowak als wahnsinnig gewordener Schiffsjunge Pip mit besonderen Leistungen herausragen, das aber auch in den anderen Rollen stark besetzt ist.

Stark auch das Bühnenbild des inzwischen verstorbenen Reinhart Zimmermann, das mit einem zentralen Mast und großen, runden Bullaugen, hinter denen der Ozean auch mal bedrohlich hin- und herwogt, für maritime Atmosphäre sorgt. Passende Geräusche aus dem Lautsprecher tun ein Übriges, um das Publikum mitten aufs Meer zu versetzen.

Alles in allem also ein gelungener Abend, dem mehr Zuschauer zu wünschen gewesen wären.

Von Christine Zacharias

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