Griechische Austauschschüler blicken mit Sorgen auf die Entwicklung ihres Landes

Kali nichta, liebe Zukunft

Aus dem sonnigen Süden in den Schnee: Die griechischen Austauschschüler und Lehrer mit ihren deutschen Partnern und MSO-Lehrerin Corina Klose (rechts), links daneben Dimitra, Dorothee und Gerasimos (4. v. li.). Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Eisiger könnte der Empfang für die 20 griechischen Austauschschüler aus der Hafenstadt Preveza am Ionischen Meer kaum sein. Schnee und Dauerfrost stellen die Zwölftklässler aus dem sonnenverwöhnten Süden auf eine harte Probe. Doch auch das politische Klima wegen der Euro-Krise überschattet den einwöchigen Besuch der jungen Griechen an der Modellschule Obersberg.

„Ihr nehmt mir mein Geld weg, das mag ich nicht“, schleuderte ein alter Mann dem 16-jährigen Gerasimos entgegen. Kein schöner Willkommensgruß. „Aber ich weiß, dass glücklicherweise längst nicht alle Menschen in Deutschland so denken“, sagt der Austauschschüler.

Denn immerhin haben die Schüler bereits einige Erfahrung im Umgang mit dem jeweils anderen Land. Im Zuge eines Comenius-Bildungsprogramms der EU hatten die Obersberg-Schüler bereits vor einem Jahr ihre griechischen Freunde besucht. Jetzt steht der Gegenbesuch an.

„Wir haben damals natürlich schon ziemliche Unterschiede zwischen Deutschland und Griechenland gesehen“, berichtet die 16-jährige Dorothee Auracher aus Bad Hersfeld. So sei die ObersbergSchule fast komfortabel gemessen an der Partnerschule in Griechenland. „Aber geklagt hat darüber niemand“, sagt Dorothee.

Klagen tun die griechischen Gäste auch jetzt nicht – aber sie sorgen sich. „Wir kleinen Leute habe das Staatsdefizit in Griechenland doch nicht verursacht, das waren Politiker und Bänker“, sagt Dimitra, die Austauschpartnerin von Dorothee. Sie erzählt, wie ihre Eltern überall sparen, um ihr und ihrem Bruder trotzdem eine gute Ausbildung zu ermöglichen. „Aber was nutzt das, wenn es für uns später keine Arbeit gibt?“ Dimitra denkt deshalb darüber nach, später ins Ausland zu gehen.

Angst statt Ärger

Auch für ihre Lehrer ist die gegenwärtige Situation eine schwere Belastung. „Ich habe drei Kinder, bin seit 17 Jahren Lehrerin und verdiene 940 Euro im Monat“, erzählt die Griechisch-Dozentin Panoria. Ihr Mann sei arbeitslos, deshalb unterstützen die Großeltern nun die Familie. „Das ist hart, aber so etwas ist bei uns inzwischen ganz normal“.

Auch Schüler Gerasimos spürt die Veränderung. „Früher waren wir oft essen, jetzt fehlt dafür das Geld“, erzählt er. Dennoch sind seine Eltern nicht wütend. „Aber sie haben Angst – Angst um unsere Zukunft“.

So sieht das auch Lehrer Athanassios. „Die Menschen haben den Glauben an die Demokratie und die Regierung verloren“, sagt er. Dabei gehe es doch nicht nur um die Wirtschaft, sondern auch um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. „Wie können wir gemeinsam in Europa leben, wenn doch alle nur ihre eigenen Probleme sehen?“, fragt er.

Die deutschen und griechischen Schüler hingegen sind dank ihrer Austauscherfahrungen da schon viel weiter. „Ich mag meine deutschen Freunde und spüre keine allzu großen Unterschiede“, sagt Dimitra. Trotzdem gelte es, im Verhältnis beider Ländern noch viele Vorurteile zu überwinden. „Eigentlich sind wir doch alle gleich – uns kann nichts trennen.“

(Kali nichta = Gute Nacht!)

Von Kai A. Struthoff

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