Glatteis, Schnee, Matsch: Für Tippelbrüder hat der Winter noch gar nicht angefangen

Kälte beginnt bei -10 Grad

Für drei Tage machte Wolfgang S. (rechts) in der Beratungsstelle für Wohnungslose Station. Abends suchte er sich im Stadtgebiet ein Nachtquartier. Beispielsweise in menschenleeren Schulen verbringt der 59-Jährige die Nächte in Bad Hersfeld. Foto: Hornickel

Bad Hersfeld. Draußen schlurfen die Hersfelder durch Schnee und Matsch oder verfluchen den Winter, als sie versuchen, ihre Autos vom Eisregen frei zu kratzen. Jene aber, die seit Jahren durch die Lande reisen, weil sie kein Haus und keine Wohnung mehr haben und „Platte machen“, lässt so etwas kalt.

In der kirchlichen Beratungsstelle für Wohnungssuchende herrschte am Glatteis-Mittwoch adventliche Beschaulichkeit.

Nur der 59-jährige Tippelbruder Wolfgang S. leistete tagsüber dem Diplom-Sozialpädagogen Uwe Büchling hinter der Brandschutztür im Bad Hersfelder Stadthaus Gesellschaft. Nähe, die „Reisende“ sonst eher scheuen.

Von 7.30 bis 15 Uhr ist die Stelle geöffnet, die Menschen weiterhilft, wenn sie ihre Wohnung verloren haben oder schon lange keinen Wert mehr auf eine feste Bleibe legen.

11,97 Euro am Tag

Einer von denen, die sich selbst Berber nennen, ist Wolfgang S. Er war schon öfter in Bad Hersfeld. Als Wohnsitzloser darf er nicht länger als drei Tage an einem Ort bleiben, sonst bekommt er nicht mehr die 11,97 Euro ausgezahlt, mit denen er seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Der Betrag entspricht einem Tagessatz, mit dem auch ein sesshafter Hartz-IV-Empfänger auskommen muss. Allerdings bekommen Wohnungslose wie Wolfgang S. keine weiteren Leistungen von Vater Staat.

Schon 30 Jahre lang macht er Platte. Der 59-Jährige, der mit Angaben zu seiner Person und zu seinem Schicksal sparsam umgeht, ist gut für den Winter ausgerüstet. Dem früheren Maurer macht es nichts aus, die Nächte irgendwo im Freien zu verbringen. Nur einmal hat Wolfgang S. ein Quartier in Bad Hersfeld angenommen.

„Berber sind Menschen mit Stolz“, erklärt Uwe Büchling. Für Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben, hält die Stadt ein Obdachlosenasyl mit zehn Zimmern an der Kläranlage bereit, das Wassermannseck.

Eines davon ist das „Polizeizimmer“, das für ausgesprochene Notfälle reserviert ist. Beispielsweise dann, wenn die Polizei hilflose Menschen aufliest und ins Wassermannseck einweist, um sie vor dem sicheren Kältetod zu bewahren. „Für Tippelbrüder fängt der Winter erst bei zehn Grad minus an“, sagt Beratungsstellen-Mitarbeiter Uwe Büchling. Er kochte gestern zusammen mit dem Gast Nudeln, Presskopf und Erbsen zum Mittag. Dazu gab es eine Soße, die mit Traubenessig verfeinert wurde. Dann fuhr der Betreuer heim nach Kassel.

Wolfgang S. nahm den Zug nach Hannover. Wo er eines Tages „fest macht“, also sesshaft wird, ist ebenso unklar wie die Frage, wo er Weihnachten sein wird.

Von Kurt Hornickel

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