Nach 66 Jahren besucht ein US-Air-Force Pilot seine Absturzstelle in Nentershausen

Jims langer Weg zurück

Umarmung nach 66 Jahren: Jim C. Baynham und Lina Eberhardt bei dem Treffen in Mönchhosbach, nahe der Stelle, wo der ehemalige US-Bomberpilot 1945 abgeschossen wurde. Im Hintergrund einer der sechs Söhne Baynhams. Foto: Struthoff

Nentershausen. Einen waschechten Texaner kann so leicht nichts erschüttern. Doch vor dem Besuch in Nenterhausen war dem 87-jährigen Jim C. Baynham aus der amerikanischen Erdölmetropole Dallas doch etwas mulmig zu Mute. Verständlich. Denn vor 66 Jahren wäre in der idyllischen Gemeinde sein junges Leben beinahe zu Ende gewesen.

Auch Lina Eberhardt aus Mönchhosbach wird den 27. September 1944 nie vergessen. Die damals 17-Jährige war Lehrmädchen auf einem Bauernhof. „Plötzlich kamen Tiefflieger“, erzählt sie, „ein Flugzeug zog eine lange Rauchfahne hinter sich her, dann entdeckte ich den Fallschirmspringer – und es sah aus, als winkte er mir zu“.

Jener Fallschirmspringer war wahrscheinlich Jim C. Baynham, ein 20-jähriger Air-Force Pilot, dessen Bomber eines von 49 Flugzeugen war, die an diesem Tag bei einer der verheerendsten Luftschlachten des 2. Weltkrieges über Nenterhausen abgeschossen wurde. Jetzt ist Baynham wieder zurück. „Wenn Sie damals mit 17 Jahren schon so gut ausgesehen haben wie heute, dann habe ich Ihnen sicher zugewinkt“, scherzt der hagere alte Mann mit dem schlohweißen Haar und nimmt Lina Eberhardt dankbar in den Arm.

Von Frauen gerettet

Fünf US-Piloten wurden an diesem Tag in Nentershauser ermordet. Jim Baynham aber verdankt vor allem den besonnenen Frauen des Ortes sein Leben. „Ein Mann war sehr aufgebracht und wollte mir etwas antun“, erinnert sich Baynham. Später erfuhr er, dass dieser Mann seine Familie bei einem amerikanischen Luftangriff verloren hatte. Einer Lehrerin, die auch etwas Englisch sprach, gelang es schließlich, die Lage zu beruhigen. „Danach wurde ich gut behandelt“, erinnert sich Baynham und erzählt, wie er zu Fuß nach Cornberg gebracht wurde und dort in einer Zelle landete.

Trotzdem dauerte es 66 Jahre bis Baynham sich überwand, nach Nentershausen zurückzukehren. Nach dem Tod seiner Ehefrau vor einem Jahr hatte er beschlossen, sich der Vergangenheit zu stellen. Das war nicht leicht für ihn. „Ich hatte noch viele Jahre nach dem Krieg Albträume und Schweißausbrüche.“

Und ihn quälten auch Schuldgefühle, dass er damals an dem Krieg beteiligt war. „Wir schämen uns, dass wir einer Kultur angehören, die oftmals auf ein blutiges Ende zustürzt“, hatte Baynham am Montag bei der zentralen Gedenkfeier im Seulingswald bei Ludwigsau gesagt (wir berichteten). „Aber wir freuen uns, dass wir unsere menschlichen Schwächen überwunden und das Gute in uns wieder aufgebaut haben.“

Auch Jim C. Baynham kann auf ein gutes, erfülltes Leben zurückblicken. Lange Jahre war er in der Baubranche tätig, reiste um die Welt und zog mit seiner Frau sechs Söhne und zwei Töchter groß. Vier seiner Söhne haben ihn jetzt auf dem schweren Weg zurück nach Nentershausen begleitet.

Aus Fehlern gelernt

„Wir haben gelernt, uns gegenseitig zu respektieren, zu ehren und gegenseitig zu lieben“, sagt Baynham über das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern. Beide Völker hätten ihre Lektion aus dem Krieg gelernt. Doch mit Blick auf die neuen Kriege, die inzwischen geführt werden, sagt der alte Mann: „Es wird leider immer Menschen geben, die einander hassen.“  unten

Von Kai A. Struthoff

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