Wochenendporträt: Esther Frost und Liane Theune sind Familienhebammen

Jedes Mal ein Wunder

Kolleginnen und Freundinnen: Fürs Foto untersuchen sich die Hebammen Esther Frost aus Rotenburg (links) und Liane Theune aus Heinebach auch mal gegenseitig. Zusammen haben sie gut 6000 Babys auf die Welt geholfen. Fotos:  Trebing/nh

Rotenburg. 12 000 Hände, die nach allem greifen, was sie zu fassen bekommen. 60 000 winzige Zehen und ein beeindruckendes Lungenvolumen.

Das Lebenswerk von Esther Frost und Liane Theune ist ein Wunder. Auch nach über 25 Jahren noch. „Das wird nie Routine“, sind sich die beiden Hebammen einig. „Jede Geburt ist ein einzigartiges Erlebnis.“

Sandkasten-Freundinnen

Zusammen haben die beiden Frauen inzwischen 6000 Babys auf die Welt geholfen – in Krankenhäusern und heimischen Badewannen und im Bauwagen bei Kerzenlicht. Heute könnten „ihre“ Kinder, die teilweise selbst schon Mütter sind, eine eigene kleine Gemeinde gründen.

Esther Frost und Liane Theune kennen sich schon aus dem Heinebacher Sandkasten, doch der Wunsch Hebamme zu werden ist unabhängig voneinander in den beiden Frauen gereift. „Ich wusste es, als meine kleine Schwester geboren wurde“, erzählt Esther Frost aus Rotenburg. „Babys sind halt was Tolles“, fügt Liliane Theune hinzu.

Wenn die beiden Freundinnen über das Hebammensein sprechen, klingt Arbeit plötzlich nach einem Überschuss an Freude. „Ich glaube nirgendwo sonst kriegt man so viel Dankbarkeit zurück“ erzählt Esther Frost und sieht ihre Kollegin fragend an: „Ist doch so?“ Liane Theuber nickt. „Es ist intim und schön“, sagt sie. Trotz der Ausbildung, an die sich beide nur mit Grauen erinnern, der Verantwortung und der Trauer, wenn eine Frau ein totes Kind zur Welt bringt. „Es ist sehr viel Leben“, sagt Liane Theuber. Immer alle Facetten davon.

Anders als früher hört die Zuständigkeit einer Hebamme heute nicht mehr auf, wenn das Baby gewaschen in seinem ersten Strampler steckt. Esther Frost und Liane Theune sind zwei von sechs Familienhebammen im Kreis, das heißt, sie betreuen Mütter nach der Geburt bis zu einem Jahr lang. In dieser Zeit, in der immer mehr Frauen überfordert sind mit dem Bündel Leben, das sie in die Welt gesetzt haben, sind die Hebammen oft die ersten Ansprechpartner.

Viele Frauen sind alleine

„Viele Frauen sind so allein“, sagt Esther Frost. „Wir können natürlich keine Familie ersetzen, aber wir können Ideen geben, wo es Hilfe gibt.“ Liane Theune fügt hinzu, dass es oft reicht, Kontakte zu vermitteln.

„Viele Frauen denken, dass andere Mütter immer glücklich sind, nur sie nicht“, erzählt sie. „Diese Frauen können wir zusammenbringen.“ Denn auch wenn niemand gern darüber spricht: Alle Eltern erleben Momente der Wut, der Hilflosigkeit, der totalen Erschöpfung.

Obwohl die beiden Hebammen erst 47 sind, bezeichnen sie ihre Art der Arbeit als altmodisch. „Im positiven Sinne“, lacht Liane Theune.

Frauen bekommen seit Tausenden von Jahren Kinder, doch ohne stapelweise Ratgeber traut sich kaum noch jemand ins Abenteuer Geburt. „Viele denken, dass sie nur dann ein entspanntes Kind bekommen, wenn sie alles richtig machen“, sagt Esther Frost. „Dieser Anspruch erzeugt aber nur Stress.“

Ein bisschen mehr Vertrauen in die Intuition würden sich beide Hebammen wünschen. Schließlich sorge schon die Natur dafür, die Bedürfnisse der Babys zu erspüren. „Mutterinstinkt ist etwas Tolles“, sagt Liane Theune. „Nur deshalb sind wir überhaupt noch hier.“

Von Saskia Trebing

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