Wie aus einem Casting für die Festspiele sehr schnell Schauspielunterricht wurde

Jeder soll mitmachen

Frauen nach da, Männer nach da: Nach zum Teil verblüffenden Bewegungsübungen, bei denen die angehenden Kleindarsteller sitzen, stehen oder rennen sollten, brachte Joern Hinkel, der künstlerische Leiter der 65. Bad Hersfelder Festspiele (hinten, mit Bart und schwarzem Hemd) den aufeinander zugehenden Casting-Teilnehmern chorisches Sprechen nahe: „Ein Rasen sei das Kissen für uns zwei; ein Herz, ein Bett, zwei Seelen - beide treu.“ Foto: Apel

Bad Hersfeld. Die Chancen stehen gut für die etwa 60 an einer Kleinrolle interessierten Hobby-Schauspieler, die sich zum Casting im karg möblierten Konferenzraum 3 der Stadthalle eingefunden haben. Von der jungen Schülerin bis hin zum schon etwas älteren Ludwigsauer Gemeindevorstandsmitglied dürfen sich alle Hoffnungen machen, bei den „Sommernachts-Träumereien“ dabei zu sein und mit Rollen und Kostümen ausgestattet zu werden.

„Das ist kein Vorsprechen“, erklärt Joern Hinkel, der 44-jährige künstlerische Leiter der 65. Bad Hersfelder Festspiele, der das an Shakespeares Erfolgskomödie angelehnte, noch nicht ganz fertig geschriebene Werk inszenieren wird. „Ich möchte, dass jeder dabei sein kann. Aber Ihr müsst auch sehen, ob Euch das Spaß macht!“

Der Berliner, der beim hochgeschätzten Münchner Generalintendanten August Everding Opern- und Theaterregie studiert und allenfalls halb so viele Interessenten erwartet hat, kommt gleich zur Sache: „Ab Mitte Januar würde ich gerne einmal wöchentlich Vorübungen mit Euch machen.“

Offen für kreative Vorschläge

Er stellt sich vor als einer, der schon „mehr Zeit mit diesem Beruf verbracht hat als Ihr“ und der deshalb den Anwesenden einiges an Erfahrung voraushat. Gleichwohl gibt er sich offen für kreative Vorschläge: „Ich will versuchen, aus Euch heraus und mit Euch zusammen Eure Rolle zu entwickeln. Jeder soll so wie er kann und mit so viel Text wie er will zur Geltung kommen!“ Einschränkend fügt er allerdings auch hinzu: „Es kann natürlich nicht jeder eine Hauptrolle bekommen, denn das Stück ist nur etwa zwei Stunden lang.“

Weil es schon um 18 Uhr beginnen soll, ist klar, dass eine weitere, ganz besondere Herausforderung auf die Hobby-Schauspieler wartet: „Wir spielen bei Tageslicht, aber das Stück spielt bei Nacht!“ Die Handlung erscheint auch komplex: „Da sind zwei frischverliebte Paare. Die liegen im Streit miteinander, weil sie sich nicht so lieben, wie sie sollen. Deshalb will ich Gefühle und Sehnsüchte von Euch sehen, und da bin ich auf Eure Ideen und Phantasien angewiesen“, erläutert der engagierte Regisseur.

Dann stehen erste Bewegungsübungen auf dem Programm. Mit geschlossenen Augen soll jeder alles Angespannte loslassen, seinen Platz auf dem Boden finden und sich hinlegen, „sich selbst mit allen Sinnen spüren“ – einerseits am Boden kleben, andererseits mit aller Kraft aufstehen. Nach der Formierung eines sich ohne Körperkontakt bewegenden Schwarms fragt Hinkel, wie alles geklappt hat. Er verweist auf gruppendynamische Prozesse und ist irgendwie mittendrin im Schauspielunterricht, wie ein älterer Herr feststellt.

„Bis Anfang Februar kann sich jeder ausprobieren. Dann müssen wir uns darauf verlassen können, dass Ihr mitmacht!“, unterstreicht der Theatermacher schließlich. Und für den Reporter fügt er hinzu: „Wer noch Lust hat mitzumachen, kann gerne am 19. Januar, 17 Uhr, in der Stadthalle vorbeischauen. Insbesondere ältere Damen können wir noch gut gebrauchen.“ Umfrage unten

Von Wilfried Apel

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