HZ-Interview mit Dr. Rüdiger Volkmann, dem Chefarzt der Unfall-Chirurgie am Klinikum Bad Hersfeld

Jeder Patient verdient eine Chance

Chefarzt Dr. Rüdiger Volkmann mit dem Modell eine Hüftgelenks. Foto: Struthoff

Herr Dr. Volkmann, für viele Menschen ist es der Alptraum schlechthin, nach einem Unfall Erste Hilfe leisten zu müssen. Sie sind jeden Tag mit Leben und Tod konfrontiert. Wie geht man damit um?

Dr. Rüdiger Volkmann: Zum Glück geht es nur in seltenen Fällen um Leben und Tod. Aber natürlich gibt es auch die Polytraumatisierten, die mehrfach Verletzten, so etwa 20 bis 50 Fälle pro Jahr. Dann muss man in einem sehr kurzen Zeitraum die lebenserhaltenden Körperfunktionen sicherstellen. Das läuft aber nach klaren und überall auf der Welt ähnlichen Verfahren ab. Es gibt einen eindeutigen Behandlungs-Algorithmus, der einem gar keine Zeit zum Grübeln lässt.

Was passiert dann genau?

Dr. Volkmann: Die Schwere der Verletzung muss festgestellt werden. Hauptproblem ist meist die Blutung, deren Ursache erkannt und schnellst-möglich gestillt werden muss. Im Schockraum läuft eine Uhr mit. Nach 15 Minuten muss entschieden werden, ob der Patient stabilisiert werden kann oder ob er direkt in den OP muss. Nach spätestens einer Stunde muss die Schockraum-Therapie abgeschlossen sein. Aber vor allem die ersten 15 Minuten sind entscheidend.

Was müssen Ersthelfer am Unfallort beachten?

Dr. Volkmann: Am wichtigsten ist es, zunächst die Unfallstelle und auch sich selbst zu sichern und zu schützen. Dann sollte sofort der Rettungsdienst alarmiert werden. Außerdem kann man als Ersthelfer dafür sorgen, dass das Unfallopfer in einer Position liegt, die ihm angenehm ist. Das muss nicht unbedingt die stabile Seitenlage sein. Bewusstlose Patienten sollte man allerdings auf die Seite drehen, damit sie nicht an Blut oder Erbrochenem ersticken. Aber die Sorge, als Ersthelfer etwas Grundsätzliches falsch zu machen ist eigentlich unbegründet.

Das Klinikum gehört zu einem Traumanetzwerk. Was hat es damit auf sich?

Dr. Volkmann: Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie hat vor fast sieben Jahren damit begonnen, die Behandlung von Unfallopfern zu vereinheitlichen. Ziel sollte es sein, dass sich ein Arzt in jedem Schockraum zurecht findet. Deshalb sind zum Beispiel alle Schränke einheitlich markiert, damit man sofort findet, was man sucht. Auch die Arbeitsabläufe sind klar strukturiert und werden regelmäßig trainiert. Wir können hier alle Formen von Verletzungen behandeln.

Wie sind die Chancen von Unfallopfern, wenn sie rechtzeitig ins Klinikum kommen?

Dr. Volkmann: Das ist heutzutage keine Frage der Zeit. Die Rettungszeiten sind in Deutschland sehr gut. Meist ist man nach 15 Minuten im Krankenhaus. Viel entscheidender ist die Verletzungsschwere, die nach so genannten „Scores“ eingeteilt wird. Dabei geht es darum festzulegen, ab welchem Grad die Behandlung erfolglos wird und abzubrechen ist. Das hat natürlich auch wirtschaftliche Gründe. Aber diese Entscheidungen sind sehr schwer und werden nie von einem Einzelnen getroffen. Auch wenn der Score sagt: Keine Chance, versucht man trotzdem Leben zu retten.

Diese Verantwortung zu tragen, ist sicher sehr belastend?

Dr. Volkmann: Dabei spielt die Ethik eine große Rolle. Natürlich tun wir alles für jeden, um das Trauma abzumildern. Anschließend braucht man genug Zeit, um auch mit Kollegen und den Angehörigen Entscheidungen zu treffen. Da stellt sich dann oft auch die Frage, ob der Betroffene eine Lebens- und damit vielleicht auch eine Leidensverlängerung um jeden Preis will?

Sind Ihre Patienten hauptsächlich Verkehrsunfallopfer?

Dr. Volkmann: Nein, wir haben auch einen hohen Anteil von älteren Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes hinfällig werden und deren brüchige Knochen leichter brechen. Oft kommen dann noch andere Erkrankungen dazu. Wenn ein Über-80-Jähriger sich den Oberschenkelknochen bricht, kann er schnell in Lebensgefahr kommen, weil dann oft auch andere Komplikationen, wie etwa Lungenentzündungen, auftreten.

Neben der Unfall-Chirurgie sind Sie auf die Gelenkersatz-Chirurgie spezialisiert. Dafür wurden Sie jetzt ausgezeichnet?

Dr. Volkmann: Stimmt, die AOK hat überprüft, was aus den Patienten wird, die ein künstliches Gelenk gekommen haben. Dabei geht es um die Qualitätssicherung aus Routinedaten, die durch die Abrechnungen ohnehin schon vorliegen. Das mündet in einem bundesweiten Vergleich, wie es den Patienten nach der Operation geht. Für die Versorgung der hüftnahen Frakturen sind wir jetzt mit der Höchstpunktzahl ausgezeichnet worden.

Setzen Sie sofort nach einem Sturz ein künstliches Gelenk ein oder warten Sie erst ab?

Dr. Volkmann: Wenn der Patient durch eine Fraktur immobil wird, also nicht mehr laufen kann, wird er binnen 24-Stunden versorgt. Alle Studien belegen, wie wichtig es ist, dass der Patient schnellstmöglich wieder auf die Beine kommt. Zum Zeitpunkt des Sturzes war der Patient am gesündesten, danach kann es ihm nur schlechter gehen. Aber dieses schnelle Reagieren ist sehr aufwändig und personalintensiv und kostet daher viel Geld, das die Kassen leider nicht ausreichend refinanzieren.

Die Kassen haben unlängst beklagt, dass zu viele unnötige Operationen gemacht werden. Wie entscheiden Sie, was nötig und unnötig ist?

Dr. Volkmann: Man weiß ja nie, wie lange die jeweilige Lebensuhr noch läuft. Unsere Entscheidung ist, ob der Patient eine Chance hat, durch die Operation zu überleben. Und diese eine Chance steht jedem zu.

Von Kai A. Struthoff

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