Hersfelder Familie Lipphardt kümmert sich um den blinden Kenianer Harold Kangero

Jeder Tag ein Fortschritt

Eine Familie: Rael Manyasi-Lipphardt, Harold Muchau Kangero und Manfred Lipphardt halten zusammen. Das Bad Hersfelder Ehepaar will dem blinden Harold nun eine blindentechnische Grundausbildung ermöglichen. Für jedwede Unterstützung sind die Lipphardts dankbar. Foto: Spanel

bad Hersfeld. Andächtig wiederholt Harold Muchau Kangero das neugelernte Wort. „Train“, sagt er, immer wieder. So leise und vorsichtig, als habe er Angst, dass sich die Erinnerung verflüchtigt. Am Vortag hatte der Kenianer mit seiner Schwester Rael Manyasi-Lipphardt und deren Ehemann Manfred Lipphardt den Frankfurter Hauptbahnhof besucht. Ein Kulturschock für den blinden jungen Mann, der seine 27 Lebensjahre in beinahe völliger Isolation in seiner Heimatstadt Malindi verbringen musste.

„Die medizinische Versorgung in Ostkenia liegt brach, und Behinderte werden von der Gesellschaft geächtet“, erklärt Manfred Lipphardt. „Wir wollen Harold eine Perspektive geben und haben ihn deshalb nach Bad Hersfeld geholt.“ Der 27-Jährige ist zur Zeit weder in der Lage, alleine zu gehen noch sich eine Mahlzeit zuzubereiten. Selbst eine Hose kann er ohne Hilfe nicht anziehen. Laut Manfred Lipphardt ist Harold geistig auf dem Stand eines Vierjährigen. Gemeinsam mit seiner Frau Rael setzt der Rentner nun alle Hebel in Bewegung, um seinem blinden Schwager ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Tatkräftige Hilfe

„Unsere Mutter hat Harold vernachlässigt. Eine Schule hat er vermutlich nie besucht“, erklärt Rael Manyasi-Lipphardt, die selbst bei den kenianischen Großeltern aufwuchs. Um überhaupt ein deutsches Visum zu erhalten, brauchte Harold deshalb tatkräftige Hilfe. Das Ehepaar Lipphardt wandte sich mit ihrem Anliegen an den SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth. Der setzte sich mit der deutschen Botschafterin in Nairobi, Margit Hellwig-Bötte, in Verbindung. Schließlich konnte Rael Manyasi-Lipphardt nach Kenia reisen, um ihrem blinden Bruder bei den anstehenden Behördengängen zur Seite zu stehen.

Auch das engste Umfeld stand den Lipphardts zur Seite. Als ihr Vermieter Edip Demir von der Notlage Harolds hörte, sammelte er spontan unter den Gemeindemitgliedern der Aramäer in Bebra. Mit dem Geld ermöglichten sie Harold den Flug von Kenia nach Deutschland. In der Bad Hersfelder Klinik für Augenheilkunde wurde Harold kostenfrei untersucht und operiert. „Doch da war nichts mehr zu machen“, sagt Manfred Lipphardt. „Harold wird blind bleiben.“

Zurück zur Mutter soll ihr Bruder nun auf keinen Fall. „Sie hat sich noch nicht einmal nach dem Verlauf der Operation erkundigt“, erklärt Rael Manyasi-Lipphardt. Sie wolle nun versuchen, Harold eine blindentechnische Grundausbildung in Frankfurt zu ermöglichen.

Bis dahin lernt Harold das Leben in Deutschland kennen und macht jeden Tag Fortschritte. Besonders freut er sich über eine Einladung der Eisenbahnfreunde Bebra – und das Vorbeidonnern der Züge.

Von Emily Spanel

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