Wochenendporträt: Jil Nier ist gerne Schaustellerkind – und hat auch schon Pläne

Jeden Tag aufs Karussell

Viel Rosa: Ein ganz normales Mädchenzimmer, nur eben im Wohnwagen. Häsin Daisy begleitet die neunjährige Jil von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Foto: Hempel

Bad Hersfeld. Jil fährt gerne Karussell. Wie jedes andere Kind auch. Aber die Neunjährige fährt jeden Tag – was sie will, so oft sie will und ganz umsonst. Schaustellerkinder dürfen das – so war es schon immer unter Schaustellern. Während des Bad Hersfelder Lullusfestes wohnt Jil Nier mit ihren Eltern, ihrem großen Bruder und ihrem Hasen im Schausteller-Camp am Geistalbad. „Meine Eltern haben die Berg- und Talbahn, ich fahre eigentlich jeden Tag einmal“, sagt Jil, „mindestens, manchmal auch fünfmal hintereinander“.

Von März bis November sind die Niers unterwegs und ziehen etwa dreimal im Monat an einen anderen Ort. Den Rest des Jahres lebt die Familie in Kassel. „Nach Bad Hersfeld kommen wir alle zwei Jahre“, sagt Jils Mutter, Sylvia Nier. „Jil wurde in Bad Hersfeld sogar getauft, das war 2002, am Sonntag vor dem Lollsfest.“

Kleine Lebensretterin

Jil ist nicht nur eine kleine Schaustellerin, sondern auch Lebensretterin. Als sie mit ihrer Freundin vor einigen Monaten auf dem Viehmarkt in Bad Arolsen unterwegs war, trafen die Mädchen auf einen Händler mit dubiosen Verkaufsmethoden: „Er hat gesagt, wenn ihr den Hasen nicht kauft, wird er geschlachtet.“ Jil und ihre Freundin legten ihr Geld zusammen, kauften die kleine Hasendame frei und nannten sie Daisy. Seitdem ist die Häsin ein Familienmitglied, als solches reist sie auch im Wohnwagen mit.

Jils beste Freundin ist auch Schaustellerkind, ihren Eltern gehört eine Achterbahn. „Leider sehen wir uns nur dreimal im Jahr“, sagt Jil. In Bad Hersfeld hat die Neunjährige keine Freunde, aber umso mehr in Kassel, wo sie im Winter zur Schule geht. „Wenn ich wiederkomme, freuen sich alle, dass ich wieder da bin, dann steht die ganze Klasse da und will wissen, was es Neues gibt“, so Jil. „Wenn ich im Frühjahr dann wieder wegfahre, bin ich dann auch ein bisschen traurig.“

Lernen im Schulwagen

Der ständige Schulwechsel, wie er bei Schaustellerkindern üblich ist, ist auch für Jil nicht leicht. Seit Dezember nimmt das Mädchen deshalb an einem Pilotprojekt teil: Lernen im Schulwagen. „Dreimal in der Woche kommt ein Bus, der uns zu den Plätzen hinterherfährt“, erklärt Sylvia Nier. „Es ist wie ein richtiger Klassenraum mit einem festen Lehrer, der Jil kennt und weiß, wie weit sie im Stoff ist.“ Ins Internat will Jil nicht, und auch für ihre Eltern wäre das keine Lösung.

„Wenn ich groß bin, will ich auch auf jeden Fall Schaustellerin werden.“

Jil Nier, Schaustellerkind

„Wenn ich groß bin, will ich auch auf jeden Fall Schaustellerin werden“, weiß die Neunjährige schon jetzt. „Zuerst will ich einen Crêpe-Stand, und später dann ein Breakdance-Karussell.“

Von Claudia Hempel

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