Der Janus-Köpfige

Wenn Hartmut H. Boehmer in der kommenden Woche sein Büro im Rathaus räumt, dann verlässt mit ihm ein Mann die politische Bühne, der diese Stadt geprägt hat wie kaum ein anderer. Vielleicht erkennen wir „Dahergeloffenen“ es leichter als die echten „Herschfeller“, wie sehr sich unsere kleine Stadt von anderen kleinen Städten unterscheidet. Und vieles, was heute Bad Hersfelds Charme, Schönheit und wirtschaftliche Stärke ausmacht, ist unmittelbar mit Bürgermeister Boehmer, diesem Visionär und Wüterich, verbunden.

Als ich Boehmer vor knapp drei Jahren bei der damaligen Bürgermeisterwahl-Diskussion der HZ zum ersten Mal begegnete, war ich beeindruckt von seinem Charme, seiner Eloquenz, seiner weltgewandten Kultiviertheit. So erleben ihn wohl die meisten Bürger. Doch schon bald lernte ich auch das andere Gesicht des Bürgermeisters kennen. Mit geradezu aristokratischer Arroganz konnte er politische Gegner und intellektuell vermeintlich Unterlegene abtropfen lassen. Auch „der Herr Chefredakteur“ bekam dabei – wie fast jeder irgendwann mal – sein Fett weg, und schon drei Monate nach meinem Amtsantritt kündigte Boehmer an, höchstens noch schriftlich mit mir verkehren zu wollen. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Es ist gerade diese Janus-Köpfigkeit, es sind die zwei Gesichter, die den Charakter von Hartmut H. Boehmer kennzeichnen. Vielleicht meinte er, der stets hart Arbeitende, der Intellektuelle, der Vorausschauende, hier manchmal schier verzweifeln zu müssen an der Unzulänglichkeit seiner Mitstreiter. Womöglich hat ihn dieses Gefühl der Unzufriedenheit gepaart mit seiner angeschlagenen Gesundheit letztlich zum Rücktritt bewogen.

Und doch ist da auch sein Glaube an die eigene Unentbehrlichkeit. Einer wie Boehmer macht nicht den Koch, ist dann mal weg. „Niemals geht man so ganz“, ist da eher seine Devise, die Manfred Grund hier zeichnerisch umgesetzt hat. Deshalb behält er, trotz seiner gesundheitlichen Probleme, das Power-Projekt schlechthin, den Schilde-Stadtpark.

Gewiss, es ist natürlich auch Verantwortungsbewusstsein für seine Stadt, sein Lebenswerk – ja, auch sein Denkmal. Dieses Konversions-Vorhaben mit seiner gewaltigen Dimension von 30 Millionen Euro ist zu wichtig für die Zukunft Bad Hersfelds, als dass dabei irgendein Risiko eingegangen werden dürfte. Es ist freilich auch ganz bequem für die anderen Amts- und Würdenträger, Boehmer, den Unermüdlichen, Kenntnisreichen und Detailverliebten ackern zu lassen. Vielleicht fehlt manchem selbst der Mut, die Verantwortung zu übernehmen. Ein echter Schnitt scheint Boehmers Abschied aus dem Rathaus jedenfalls noch nicht zu sein.

Die Hersfelder Zeitung hat den „Abschied auf Raten“ des ewigen Bürgermeisters zum Anlass genommen, Ihnen heute eine Beilage zu präsentieren, die Sie im Innenteil der Zeitung finden. Unser Redakteur Karl Schönholtz, der Boehmer über viele Jahre journalistisch begleitet hat, erinnert darin – natürlich nur schlaglichtartig – an Höhen und Tiefen der Amtszeit(en) von Bürgermeister Boehmer. Es kommen aber auch politische Freunde und Gegner zu Wort – und vor allem Sie, die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, in der wir gern leben. Dass wir hier so gern leben, ist fraglos auch ganz wesentlich das Verdienst von Hartmut H. Boehmer.

„Suchet der Stadt Bestes“ war stets sein Leitspruch. Damit hat er uns weit gebracht. Struthoff@hersfelder-zeitung.de

Kommentare