Bad Hersfelder Festspiele 2015: Gespräch mit „Cabaret“-Regisseur Gil Mehmert

16 Jahre Vorarbeit

Erst nachdenken, dann sprechen: Gil Mehmert, der Regisseur des Musicals „Cabaret“ bei den Bad Hersfelder Festspielen. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Wenn das Musical „Cabaret“ am 19. Juni bei den Bad Hersfelder Festspielen Premiere feiert, dann ist auf der Bühne der Stiftsruine das Ergebnis von 16 Jahren Arbeit zu sehen. Denn 1999, als Regisseur Gil Mehmert den Stoff schon einmal in Potsdam inszenierte, wusste er gleich, dass er dies noch einmal – und dann anders – tun wollte.

Sein Alter, seine Lebenserfahrung und seine vielfältigen Regiearbeiten seitdem hätten ihm „eine ganz andere Sicht und tiefere Einblicke“ ermöglicht, erläutert der 50-Jährige beim Gesprächstermin in der Festspielkantine. Denn bei diesem Musical bewege man sich auf „dünnem Eis“, weil die politische Dimension auszufüllen sei, ohne in der schnellen Abfolge der populären Liedtitel „platt zu werden“.

Keine Floskeln

Dieser Aufgabe stellt sich Mehmert mit großer Ernsthaftigkeit. Seine Antworten kommen nie wie aus der Pistole geschossen, sie sind keine austauschbaren Floskeln, sondern das Resultat merklichen Nachdenkens.

„Wie kann es sein, dass man sich verführen lässt zu etwas, das unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten nicht sein darf?“ formuliert er die Kernfrage, die auch die literarische Vorlage von Christopher Isherwood mit seinen Erzählungen aus dem Berlin der 30er Jahre stellt.

Für Mehmert ist deshalb die Hauptstadt selbst das Cabaret, was sich bei den Festspielen auch im Bühnenbild ausdrückt, das die Räume der Pension Schneider und die Showbühne auf einem drehbaren Riesen-Piano vereint.

In einer Handlung mit vergleichsweise wenig Entwicklung und vorhersehbarem Ende steht Mehmert vor der Herausforderung, „die Figuren genau zu werten“. Das ist nicht ganz einfach, weil „Cabaret“ in jüngster Zeit entweder sehr reduziert inszeniert oder wie in den USA mit „sexy Nazis“ vermeintlich aufgepeppt wurde.

Für die Stiftsruine musste der Regisseur nun allein schon wegen des Raumes größer denken, ohne die Details der Rollen aus dem Auge zu verlieren. Wie etwa beim Conferencier, den Helen Schneider spielt. „Sie ist hier der Shakespear’sche Narr. Denn das Cabaret steht für Freiheit und Fantasie, die in der radikalen Gesellschaft unterdrückt werden sollen,“ erläutert Mehmert seine Überlegungen.

Gut, dass er bei den Festspielen mit einem vertrauten Ensemble arbeitet. Schneider, Rasmus Borkowski und Helmut Baumann waren schon bei „Sunset Boulevard“ dabei, auch Bettina Mönch ist ihm nicht unbekannt. „Man fängt nicht ganz von vorne an“, weiß er dies als Vorteil zu schätzen, „denn ich kenne die Eigenarten und Stärken. Das ist hilfreich, wenn man die Figuren schon im Kopf hat.“

Dann doch lieber selbst

Wie Gil Mehmert diese Gedanken und 16 Jahre geistige Vorarbeit umgesetzt hat, das werden die Festspielbesucher ab dem 19. Juni erleben. Für Mehmert endet dann auch eine lange Reise zu sich selbst: „Cabaret hat die ganze Zeit in mir gearbeitet. Und bevor es jemand anders bei den Festspielen macht, wollte ich es dann doch lieber selbst machen.“

Von Karl Schönholtz

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