Interview mit Geschäftsführer Martin Knauff vom Familienunternehmen Sauer, das seit 275 Jahren besteht

Handel in Nordhessen funktioniert

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Führt das Familienunternehmen Sauer in der neunten Generation: Martin Knauff in der Damenabteilung des Mode-Centrums in Bad Hersfeld. In diesem Jahr feiert das Unternehmen sein 275-jähriges Bestehen.

Das Thema Das Familienunternehmen Sauer mit Stammsitz in Bad Hersfeld feiert in diesen Tagen sein 275- jähriges Bestehen. Geplant sind Rabattaktionen und viele Aktivitäten für die Kunden. Mit dem Geschäftsführer der Firma Sauer, Martin Knauff, sprach Kai A. Struthoff über den Einzelhandel in Zeiten des Internets.

Herr Knauff, Sie führen das Familien- Unternehmen Sauer in der neunten Generation. Hatten Sie eigentlich die Wahl, ob Sie das machen möchten, oder gab es da keine Alternative?

MARTIN KNAUFF: Ich hatte schon die Wahl, aber natürlich bin ich von frühester Kindheit in das Unternehmen hineingewachsen, und es hat mir immer Spaß gemacht. Mit 14 Jahren habe ich das letzte Taschengeld bekommen und mein Vater hat mir gesagt, jetzt musst Du mithelfen. Ich habe dann mit Hilfstätigkeiten wie fegen oder auszeichnen begonnen und nach der Schulzeit eine qualifizierte Ausbildung erhalten.

Sie selbst sind meist lässig gekleidet in Jeans, Hemd und Sakko und nicht so durchgestylt wie andere Menschen in der Modebranche. Wie wichtig ist Ihnen Kleidung?

KNAUFF: Mode und Stil sind ein Ausdruck der Persönlichkeit. Ich möchte nicht abgehoben wirken, sondern ich bin bodenständig und kleide mich deshalb auch so. Aber ich bin natürlich auch der erste Verkäufer meiner Truppe, und wir tragen selbst die Mode, die wir auch verkaufen. Wie wichtig sind Ihre Mitarbeiter für das Unternehmen? KNAUFF: Ich habe schon in der Familie gelernt, dass der Unternehmer unwichtig, das Unternehmen allein wichtig ist. Die Summe des Unternehmens, sein „Vermögen“, sind seine Mitarbeiter. Das hat bei uns eine lange Tradition.

Für viele Menschen in der Region ist „Ich gehe zu Sauer“ so eine Art Synonym für Einkaufen. Ist diese modische Monopolstellung für Sie eine Freude oder auch eine Bürde?

KNAUFF: Also eine Monopolstellung haben wir nicht, sondern wir stehen in einem harten Wettbewerb, vor allem mit Filialisten und dem Internet. Ich selbst habe mich um Konkurrenz bemüht, indem ich zum Beispiel H&M nach Bad Hersfeld geholt habe und C&A dann folgte. Das ist gut für die Stadt und auch für uns. Wir haben in manchen Teilbereichen einen Marktanteil von bis zu 30 bis 35 Prozent im Einzugsgebiet. Aber natürlich birgt diese Marktstellung auch die Gefahr, dass man bei allem an die Spitze der Bewegung gestellt wird, weil alles, was man tut, Auswirkungen auf die ganze Stadt hat. Das bringt zuweilen auch Konflikte.

Als erfolgreicher Unternehmer hat Ihre Stimme auch in der Kommunalpolitik ein Gewicht. Stimmen die Rahmenvorgaben, oder wird Ihnen das Leben unnötig schwer gemacht?

KNAUFF: Ich habe schon den Eindruck, dass früher der Ermessensspielraum der kommunal Verantwortlichen größer war. Heute kann etwa ein Bauamtsleiter nicht so souverän entscheiden, wie das früher der Fall war. Es gibt inzwischen viel mehr Vorgaben und Gesetze, und das macht es den Sachbearbeitern und damit auch uns schwer. Ich würde mir schon mehr Gestaltungsspielraum und Offenheit wünschen.

Sie sind auch Vorsitzender des Einzelhandelsverbands in Nordhessen. Wie beurteilen Sie die Lage der Region?

KNAUFF: Nordhessen ist ordentlich aufgestellt. Wir haben mit Kassel ein funktionierendes Oberzentrum, und mehrere Mittelzentren wie Bad Hersfeld oder Marburg. Allerdings macht uns allen das Internet Konkurrenz. Vor allem in kleineren Städten gibt es heute oftmals keine kompletten Märkte mehr. Wenn das Internet weiter Umsatz aus den Städten abzieht, wird es in kleineren Orten möglicherweise bestimmte Produkte nicht mehr im Angebot geben. Bislang ist es dem Handel aber immer noch gelungen, sich zu behaupten – zum Beispiel in Bebra, wo das neue Einkaufszentrum das gesamte Angebot zusammenhält.

Tut die Politik genug, um den Handel zu unterstützen?

KNAUFF: Der demografische Wandel wird nach wie vor ignoriert. In unserem Kreis gibt es immerhin Ansätze, und wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Der ländliche Zuzug zu generieren, um Leerstände zu vermeiden. Unterbleibt das, verlieren wir massiv Einwohner, und das spürt natürlich auch der Handel. Die gegenwärtige Flüchtlingswelle birgt aber große Chancen. Es kommen gut ausgebildete, willige und kernige Leute zu uns. Diese Menschen können wir hier gut gebrauchen.

Neben dem Stammsitz in Bad Hersfeld haben Sie Geschäfte in Eschwege, Homberg, Neukirchen und Schwalmstadt. Welche Pläne haben Sie dort für die nächste Zukunft?

KNAUFF: Die beiden Filialen in Homberg und Neukirchen sollen weiter entwickelt werden. Wir haben dort noch einiges vor. In Schwalmstadt hatte ich ähnliche Pläne, aber leider hat sich die Stadt entschieden, ein Einkaufszentrum zu genehmigen, das nach unserer Einschätzung deutlich zu groß für die Stadt ist. Gegen diese Größe können wir nicht konkurrieren und werden uns deshalb aus Schwalmstadt zurückziehen.

Neben Ihren Filialgeschäften sind Sie auch im Online-Geschäft aktiv. Wie funktioniert dieses Nebeneinander?

KNAUFF: Das funktioniert in dem Teilsegment Bettwäsche und Frottierwaren sehr gut. Wir können unsere ohnehin vorhandene Lagerkapazität doppelt nutzen für den Verkauf vor Ort und im Internet. Das hat für den Kunden den Vorteil, dass die Auswahl viel größer ist. Beide Geschäftsmodelle ergänzen sich. Wir planen das Zusammenspiel von online und offline in dem Bereich Betten, Haushaltswäsche auch noch weiter auszubauen.

Wie lange kann ein Unternehmen wie Sauer in Zeiten des Internets noch bestehen?

KNAUFF (schmunzelt): Das müssen Sie meinen großen Chef da oben im Himmel fragen!

Zur Person

MARTIN KNAUFF wurde 1959 in Bad Hersfeld geboren und hat an der Modellschule Obersberg sein Abitur gemacht. Nach der Bundeswehrzeit hat Knauff eine Trainee-Ausbildung beim Kaufhauskonzern Horten absolviert. 1983 ist Knauff als 24-Jähriger in das Familienunternehmen eingetreten. Martin Knauff ist verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn. Knauff sammelt Oldtimer und segelt in seiner Freizeit gern. (Kai)

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