"Das Wort Held ist ekelhaft"

Interview mit Festspielstar Christian Nickel über seine Rolle in „Hexenjagd“

Zwischen Schuld und Gerechtigkeit: Christian Nickel spielt in „Hexenjagd“ die tragische Rolle des John Proctor. Foto: Lois Lammerhuber

Christian Nickel (47) spielt bei den Bad Hersfelder Festspielen die Hauptrolle in Dieter Wedels Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd". Als Bauer John Proctor muss er sich mit seinem Glauben, seiner eigenen Schuld und einer hysterischen Meute auseinandersetzen, die den Teufel in der Bevölkerung sucht. Wir sprachen mit Christian Nickel über seine Rolle und die Arbeit bei den Festspielen.

„Hexenjagd“ wurde ursprünglich als Analogie auf den kalten Krieg und die Verfolgung von Kommunisten in den USA geschrieben. Wer wird in Dieter Wedels Inszenierung verfolgt? 

Christian Nickel: Die Hexen. Überhaupt geht es um die Lust an der Verfolgung.

Spiegelt die Inszenierung dabei auch aktuelle Situationen wider, wie zum Beispiel die von islamischen Flüchtlingen in Deutschland? 

Nickel: Das wäre zu einfach. Es gibt aber klare Verweise darauf, dass Minderheiten und die Suche nach einer Wahrheit gefährdet sind und radikale Lösungen gefordert werden, was zur Katastrophe führt. Wenn sich die Gesellschaft im Stück mit ihren Werten auskennen würde, dann hätte das provozierende Verhalten der Mädchen auch nicht diese Wirkung. Doch es fällt auf solch fruchtbaren Boden, dass eine Mischung aus Geilheit und Instabilität entsteht. Das kann man auch feststellen, wenn ein Satiriker in Europa übers Ziel hinaus schießt und plötzlich ein Zusammenhalt gefährdet ist, weil sich die Leute nicht darüber unterhalten, was uns eigentlich verbindet und stark macht.

Sie sind auch Regisseur. Arbeiten sie als Schauspieler lieber mit klaren Anweisungen oder mit vielen Freiheiten? 

Nickel: Schließt sich das aus? Man kann kein Regisseur aus einer rein defensiven Haltung sein. Man muss seine Schauspieler auffordern, Stellung zu beziehen. Dieter Wedel tut das. Aber er ist auch neugierig und steigt auf unsere Ideen ein.

Können Sie beim Spielen den Regisseur in sich ausschalten? 

Nickel: Das hoffe ich. Aber was weiß ich schon über mich (lacht). Ich habe schon den Eindruck, dass mir das besser gelingt, seit ich Regie führe.

Sie spielen den Bauern John Proctor. Wie haben Sie sich dem Charakter genähert? 

Nickel: Ich versuche, mich mit dem Stoff zurückzuziehen und die Kraft eines Menschen, der in der Natur arbeitet, in meinen Text einfließen zu lassen. Man kann nicht aus wohlbehüteten Verhältnissen kommen und denken, man kann eben mal einen Bauern spielen.

John Proctor wird meist als tragischer Held interpretiert. Wie verstehen Sie die Rolle? 

Nickel: Das Wort Held ist unglaublich belastet und eigentlich ekelhaft. Tragischer Held macht es schon schöner, das klingt ein bisschen klug. Es ist schon tragisch, wenn einem Menschen, der eigentlich ein gutes Herz hat, das Leben entgleitet. Ich hoffe, dass sichtbar wird, warum er ein tragischer Held ist.

Im Jahr 2000 beschrieb Sie die Presse als „jugendlich-romantischen Typ mit erregendem Hang zur Gebrochenheit“. Wie beschreibt man den Christian Nickel des Jahres 2016 am besten? 

Nickel: Da hat sich doch nichts geändert (lacht). Das weiß ich nicht. Wir glauben ja immer, dass wir uns verändern und bleiben die Gleichen. Andererseits wären wir immer noch gerne die von damals und sind es nicht mehr.

Welche Rolle würden Sie gerne mal spielen? 

Nickel: Ich würde gerne mal König Lear oder Don Carlos spielen. Aber auch ganz andere. Es gibt so viele Figuren. Ich freue mich einfach darauf und habe keine Angst davor, mit diesem Beruf alt zu werden.

Was wird die Zuschauer bei dieser Hexenjagd überraschen? 

Nickel: Dass sie sich selbst erkennen werden. Eine Gesellschaft, bei der eigentlich alles im Lot ist, doch plötzlich verselbstständigen sich die Dinge und man setzt eine Lawine in Gang, die nicht mehr aufzuhalten ist und auf einmal befinden wir uns im finstersten Mittelalter. Diesen Mechanismus kann man auch aktuell nachvollziehen. Eigentlich reden wir über Demokratie und eine liberale Gesellschaft und plötzlich kommt da eine Partei, nicht nur in Deutschland, die mit ganz merkwürdigen Dingen und Diskriminierungen mal guckt, was geht, rumzündelt, mit Äußerungen, die eigentlich nicht tragbar sind. Und die haben plötzlich eine unheimliche Kraft und Zuwendung. Das ist auch Teil dieses Stücks. Dass man erkennt, dass diese Geschichte auch jetzt passieren kann, jederzeit.

Zur Person:

Christian Nickel (47) wurde in Heilbronn geboren und wuchs in Hamburg auf. Nach dem Abitur studierte er zwei Jahre Medizin, brach das Studium jedoch für eine Schauspielausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schule ab. Peter Stein entdeckte ihn in dem Tschechow-Schwank „Der Bär“ und besetzte ihn anschließend als Primislaus in Grillparzers „Libussa“ bei den Salzburger Festspielen.

Stein holte Nickel im Jahr 2000 auch als jungen Faust in das Ensemble für sein Faust-Projekt. Nachdem sich Bruno Ganz bei einem Sturz verletzte, übernahm Nickel die Rolle des „ganzen“ Faust in Steins 21-stündiger Inszenierung des Stoffes auf der Weltausstellung in Hannover.

Nickel arbeitete an Theaterhäusern in Frankfurt, Wien, München, Berlin und Köln. Zurzeit lebt Nickel in Wien, wo er seit 2012 am Theater in der Josefstadt spielt.

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